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Veröffentlicht vor 2 Jahre, 5 Monate

Auch Fehler machen glücklich

Wie Pannen helfen, bessere Entscheidungen zu fällen.

208 Sekunden dauerte es vom Einschlag eines Schwarms Wildgänse in die Turbinen des Airbus 320, der gerade in New York gestartet war, bis zur Notwasserung auf dem Hudson River. Das Wichtigste, was in diesen 208 Sekunden passierte: Der Pilot Chesley B. Sullenberger traf eine Entscheidung, die nicht nur 155 Passagieren, sondern auch vielen New Yorkern das Leben rettete. Der Druck war riesig. Schon in 208 Sekunden kann uns der Zwang, die unbedingt beste Entscheidung treffen zu wollen, in Handlungsstarre fallen lassen. Die Angst vor Fehlern kann uns so lähmen, dass wir Unglücke hinnehmen, große Chancen verpassen oder uns tatenlos den Umständen ausliefern statt unser Glück aktiv in die Hand zu nehmen.

Die Angst, zu versagen, ist immer der Co-Pilot in unserem Cockpit. Wer im Sportteam schon einmal eine große Chance versiebt hat, weiß wie schwer die Verantwortung für andere schon in den kleinen Dingen des Lebens wiegen kann. Meistens sind aber nicht unsere Kameraden die härtesten Kritiker. Wir sind es höchstpersönlich, die uns mit Selbstvorwürfen vor den Gewissens-Kadi zerren.

Fehler sind etwas Negatives. Das scheint auf der Hand zu liegen. Aber bei tieferer Betrachtung stellen wir fest, dass ein Leben ohne Fehler schon rein statistisch nicht möglich ist. Ob es an Fakten oder Fähigkeiten mangelt – wir kommen nicht ohne Fehler durchs Leben. Wenn das aber so ist, müssen wir vor allem lernen, das Beste aus unseren Fehlern zu machen.

Fehler zu riskieren ist besser, als nichts zu entscheiden

Das Nichtstun, wenn es etwas zu entscheiden gibt, ist ziemlich praktisch. Einerseits können wir keine Fehler machen, weil wir keine aktive Entscheidung treffen. Schicksal, Fatum, Kismet oder wie immer wir es nennen – unser komplettes Pleiten-Pech-Pannen-Portfolio können wir den Umständen in die Schuhe schieben. Und es kommt noch besser: Andererseits können wir uns als Opfer fühlen. Auf die Idee, dass wir etwas hätten tun können, kommen wir gar nicht mehr. Und das Mitgefühl der anderen gibt’s gratis dazu, wenn wir nur laut genug jammern.  

Die Wahrheit klingt paradox. Wer entscheidet, der will auch Fehler machen, unabsichtlich natürlich. Er akzeptiert die Fehler, die unvermeidbar zum Leben gehören, und hat gelernt, welche Vorteile er aus ihnen ziehen kann. Weil zu jeder fehlerhaften Entscheidung Handlungen gehören, bleiben wir in aktiver Spannung und können auch spät noch Korrekturen vornehmen. Wenn Chesley B. Sullenberger im Angesicht der Gefahr die Hände vom Ruder genommen, die Augen geschlossen und gebetet hätte, wäre das Schicksal der Maschine in diesem Moment besiegelt gewesen. Nur das pure Glück hätte ein paar Passagieren das Leben retten und eine gigantische Katastrophe im Big Apple verhindern können. Doch der Kapitän behielt die Kontrolle und hätte auch im letzten Augenblick noch lebensrettende Entscheidungen treffen können.

Das größte Glück im Unglück? Aus Schaden wird man klug!

Warum haben Mittelstreifen auf gefährlichen Landstraßen ein Relief? Sie liefern ein Feedback, wenn wir aus Unaufmerksamkeit die Grenze zur Gegenfahrbahn überfahren. Die Streifen sind so sehr profiliert, dass sie einen Fahrer sogar aus dem Sekundenschlaf holen können, wenn er übermüdet am Steuer sitzt. In Verkehrsflugzeugen vibriert der Steuerknüppel, wenn der Pilot die Maschine zu langsam fliegt. Straße und Flugzeug machen hier vor allem eins: Sie liefern ein Feedback, wenn der Lenker einen Fehler macht. Und wie im Auto oder Flugzeug, so ist es auch im Leben.  

Jeder unserer Fehler liefert eine Rückmeldung. Wenn wir Glück haben, können wir die Situation noch retten und Lehren aus ihr ziehen. Aber das müssen wir auch konsequent tun und nicht nur reden: „Rudder ratio, Mach Speed Trim, Overspeed und Stickshaker“: So heißen die teils widersprüchlichen Warnmeldungen, über die die Crew eines Birgenair Fluges am 6. Februar 1996 diskutierte, während ihre Boeing 757 per Autopilot der Katastrophe zusteuerte. Statt eine Entscheidung zu treffen, den Autopiloten abzuschalten und selbst zu fliegen, wurde Kriegsrat gehalten. Das Ergebnis: 189 Tote, darunter 164 Deutsche und ca. 100 Familien, deren Leben sich für immer geändert hatte.

Nach dem Fehler ist vor dem Fehler

Wenn das Kind schließlich doch in den Brunnen fällt, haben wir fast schon die Pflicht, aus unserem Fehler zu lernen. Wirkliches Lernen aus Niederlagen heißt aber nicht nur, sie einzugestehen, sondern auch nach dieser Einsicht zu handeln. Unser „Aus Schaden wird man klug“ muss sich in gelebten Entscheidungen ausdrücken und nicht nur in ewig guten Vorsätzen und vollmundigen Absichtserklärungen.

Entscheidungen zu treffen bedeutet, von ihren Konsequenzen profitieren zu wollen. Da ist es nur logisch, aus jeder dieser Konsequenzen so viel zu lernen wie möglich. Im Umgang mit Fehlern sind zwei Dinge wichtig: erstens, ihnen schonungslos ins Gesicht zu sehen und jede nur mögliche Erkenntnis aus ihnen herauszupressen. Das mag anstrengend und schmerzhaft sein. Aber es geht kein Weg daran vorbei. 

Zweitens: Abhaken, und zwar so bald wie möglich, nachdem wir unsere Analyse abgeschlossen und unsere Lehre gezogen haben. Sicher gibt es Entscheidungen, deren negative Folgen uns ein Leben lang begleiten. Aber was haben wir davon, wenn wir uns zusätzlich noch jeden Tag aufs Neue geißeln für etwas, das Jahre zurückliegt? Verantwortung etwa für einen Unfall zu übernehmen, heißt nicht, den Rest seiner Tage zu wehklagen, sondern aus seinem Fehler zu lernen, damit andere und man selbst beim nächsten Mal nicht mehr zu Schaden kommen.

Im Leben gibt es keinen Reset-Knopf, der unser Leben auf die Werkseinstellung zurücksetzt. Aber im schlimmsten Fall gibt etwas anderes, das genauso gut ist: einen Aufstieg aus Ruinen, der neben manch schwerem Eingeständnis auch viele nützliche Erfahrungen und neue Chancen beinhaltet.

Gain Culture statt Blame Culture – Seit wann wissen Sie das?

Fehler in Unternehmen sind oft teuer, aber auch hier schon fast notwendig. Man kann das Pannenrisiko vermindern, aber es ist unmöglich, es ganz zu verbannen. Wenn der Fehlerteufel zuschlägt, gibt es vielfach eine Standardprozedur. Zusammenrotten – Hetzjagd – Lynchjustiz: Zuerst sucht man den Schuldigen, und wenn man ihn gehenkt hat, glaubt man, der gleiche Fehler käme nie wieder. Dummerweise machen wir Menschen in aller Regel ziemlich ähnliche Fehler, weil wir auch ähnliche Anlagen haben. Wenn wir also die kleinen und großen Katastrophen nicht analysieren und den Mitarbeitern Hilfen und Trainings vorenthalten werden, laufen wir Gefahr, in immer wieder die gleichen Fallen zu tappen. 

Ist es schlimmer, einen Fehler zu begehen, ihn zu ignorieren oder gar ihn zu vertuschen? Zuerst kreisen wir den Fehler ein, stellen ihn ab und minimieren seine Folgen. Dann aber fragen wir nicht: „Wie konnten Sie das tun?“, sondern „Seit wann wissen sie das?“. Wir sorgen immer dafür, dass die Konsequenzen von Verschweigen und Vertuschen härter sind als die, die für den Fehler selbst fällig werden. So schaffen wir eine Fehlerkultur, die auch einen Gewinn aus bedauerlichen Pannen zieht, statt nur einen Kopf rollen zu lassen.

Im Flugsimulator des Lebens    

Natürlich lernen Piloten im Flugsimulator, wie man seinen Flieger störungsfrei von A nach B bringt. Sie lernen aber ebenso, Stress ohne reales Risiko zu meistern und sich gegen Fehler in Krisen an Bord zu wappnen. Nützlich sind solche Simulationen aus negativen Erfahrungen auch für Menschen und Unternehmen: Was ist damals schiefgegangen? Wie und warum wurde fehlreagiert? Wie hatten sich die Probleme angekündigt? Und wie lassen sich solche  Erfahrungen künftig vermeiden?

Wer das leistet und in Worst-case-Planspielen zusätzlich überlegt, was auch zukünftig alles schief gehen kann, ist gegen Krisen gewappnet. So werden mutigere, bessere und richtigere Entscheidungen möglich und der Spruch eines berühmten Golfers wird verständlich: „Sonderbar. Je mehr ich übe, desto mehr Glück habe ich.“

 

 

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Peter Brandl

Name Peter Brandl
Position Unternehmer
Managementexperte
Berufspilot
Firma Peter Brandl GmbH
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