Finanzen, Wirtschaft
Veröffentlicht vor 5 Jahre, 8 Monate

Aus der Krise lernen

Wurden Sie von den scharfen Kursrückgängen an den Börsen Anfang Mai überrascht?Viele Anleger sagen ja oft im Nachhinein: „Eigentlich habe ich es kommen sehen. Diesehohen Schulden Griechenlands und anderer südeuropäischer Staaten – das konnte ja nichtgut gehen!“

Doch dieses Gefühl „Ich habe es kommensehen“ ist meist Illusion. Hellsehersind wir ja alle nicht. Und wie die Börsetatsächlich reagiert, ist auch ungewiss.Die US-Hypothekenkrise beispielsweisewar Mitte 2007 durchaus bekannt. Trotzdemblieben die Kurse noch bis EndeDezember 2007 auf ihrem hohen Niveau.Auch die Situation Griechenlands warder Börse spätestens seit Jahresanfang2010 klar. „Die Börse hat immer Recht“sagen viele Kommentatoren. Wenn dasso wäre, hätte es den Kurseinbruch vonAnfang Mai sehr viel eher geben müssen.Aber „die Börse“ ist eben auchunsicher, tastet und sucht und irrt sichständig. Deshalb sind auch so extremeSchwankungen im Index von fünf Prozentund mehr an einem Tag durchaus keine Seltenheit.

Was können Anleger nun tun, wennes zu solchen heftigen Schwankungenkommt?

Grundregel Nr. 1: Lassen Sie sich nicht von Stimmungen beeinflussen, sondern handeln Sie nach System!

Das ist leichter gesagt als getan. Dennwer stündlich Börsennachrichten hörtoder das Börsenfernsehen laufend verfolgt,bekommt ständig den Eindruck, essei höchste Zeitzum Handeln.Aber es wäre injeder Krisensituationfalsch gewesen,an Paniktagen nochschnell den fallendenKursen hinterherzu rennen und zuverkaufen. Dasglauben Sienicht? Heisstes nicht immer, die ersten Verluste seiendie erträglichsten? Natürlich stimmtdas, aber nur dann, wenn es tatsächlichweiter abwärts geht. Aber das weiss manan Paniktagen noch nicht und sollte deshalbkeine vorschnellen Entscheidungentreffen. Denn fast auf alle Panik-Verkäufefolgten auch wieder Panik-Käufe! Werständig den Übertreibungen der Börsefolgt und in der Herde mitrennt, der tutes dann auch, wenn es kurzfristig aufwärtsgeht. Denn jede Börsenbewegung wird javon entsprechenden Meldungen in denMedien begleitet. Wer dann wie gebanntstündlich das Börsengeschehen verfolgt,wird ständig den Eindruck haben, es seijetzt höchste Zeit zum Handeln, sowohlwenn es abwärts geht, als auch, wenn esaufwärts geht. Und das Hin und Her wirdsehr teuer!

Erinnern Sie sich noch an die Börsenpanikim Oktober 2008? Vom Donnerstag23.10. bis Montag 27.10. gab es dreiPaniktage hintereinander. Ein Verkaufam Montag, den27.10. wärejedoch einRiesenfehler gewesen, denn eine Wochespäter, am 5.November wieder zu gut20% höheren Kursen eine viel bessere Verkaufsgelegenheit gehabt!

Deshalb ist es wichtig, dass Sie nachSystem und nicht nach Stimmungen handeln.Als Sie Ihre Aktien kauften, hattenSie ja Gründe und Vorstellungen davon,unter welchen Bedingungen Sie wiederverkaufen würden. Denn ich nehme nichtan, dass Sie zu den Daueranlegern gehören,die ihre Aktien durch alle Kursstürzehindurch halten und nur Zukäufe tätigen.Wenn Sie mit System kaufen undverkaufen, bekommen Sie Signale, wennes Zeit ist zu handeln. Ob Sie nun „technischenAnalysen“ wie Charts oder vomComputer ermittelten Trends vertrauenoder fundamentalen Daten: Wichtig ist,dass Sie Ihrem Systemtreu bleiben, dasSie ja oft genuggetestet haben.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie folgenden „fundamentalen Daten“ und kaufenimmer dann Aktien, wenn sie einebessere Gewinnrendite aufweisen alsObligationen, dann dürften Sie sich vonder Griechenland-Krise nicht beeindruckenlassen. Denn bereits die durchschnittlicheDividendenrendite wichtigerStandardaktien liegt momentan höherals die Rendite der Obligationen. Unddie ausbezahlte Dividende umfasst jahöchstens die Hälfte des tatsächlichen Unternehmensgewinns.

Grundregel Nr. 2: Keine Stoppkursesetzen!

Um nicht von unvermuteten Kursstürzenüberrascht zu werden, halten es sehrviele Anleger und ihre Berater für selbstverständlich,so genannte „Stopps“ zusetzen, bei deren Unterschreitung die betreffendenAktien automatisch verkauftwerden. Davor habe ich jedoch schonimmer gewarnt, und die Ereignisse amMittwoch, den 5.Mai, in New York habenmir das erneut bestätigt. Aus heiteremHimmel büsste der amerikanische S&P500–Index im Verlauf 10% seines Kurswertesein, erholte sich dann aber wiederkräftig und schloss mit nur noch einemTagesminus von rund 2%. Mir taten diearmen Anleger leid, deren Aktien nachbeispielsweise 8% Verlust verkauft wurdenund die dann nicht mehr dabei waren,als es wieder aufwärts ging. Stopps, wennsie von vielen Anlegern gesetzt werden,wirken ja wie ein Domino-Effekt: Kursverlustelösen Stopps aus, diese führenzu weiteren Kursrückgängen, die weitereStopps auslösen. So kann sich das eineganze Weile fortsetzen.

Auch sollte man sich beim Setzen vonStopps nicht der Illusion hingeben, dassdie Aktien dann tatsächlich zu diesenKursen verkauft werden. Das Erreicheneines Stoppkurses bedeutet nur, dassein Verkaufssignal ausgelöst wird. Realisiertwird es aber erst bei der nächstenKursfeststellung. Die aber kann an Paniktagendurchaus 10% tiefer liegen als der Stoppkurs.

Daher ein Rat: Legen Sie Stoppkurse nurdann in die Aktien Ihres Depots, wenn Siein Urlaub fahren und einige Wochen dasBörsengeschehen nicht mehr verfolgenkönnen. Vermeiden Sie dann auch glatteZahlen als Stoppkurs. Denn das tun sehrviele Anleger. Bleiben Sie lieber etwas darüber,also zum Beispiel bei 51 CHF stattbei 50 CHF als Stoppkurs.

Grundregel Nr. 3: Neun-Monats-Tiefs als Sicherheitsseil

Sie müssen aber deshalb nicht auf ein„Sicherheitsseil“ verzichten. Viele meinerLeser haben mir mitgeteilt, dass siegrundsätzlich dann eine Aktie verkaufen,wenn sie um 10% unter ihren Einstandskursgefallen ist. Denn sie gehen danndavon aus, dass die Voraussetzungenund Erwartungen, unter denen sie einstgekauft hatten, nicht mehr stimmen.Nun, das ist auch ein „System“, aberkein besonders gutes. Denn was hat einAktienkurs mit ihrem zufälligen Kaufkurszu tun?

Mein Vorschlag ist: Verkaufen Sie jedeAktie, die, gemessen an ihrem Wochenschlusskurs,ein Neun-Monats-Tief meldet!Meiner Erfahrung nach ist so eineAktie tatsächlich schwach und erreichtbald darauf weitere Neun-Monats-Tiefs.Freilich ist das mit einer gewissen Arbeitverbunden. Denn Sie müssen sich jedenSamstag die Kurse Ihrer Aktien aufschreiben,um zu wissen, ob sie ein Neun-Monats-Tief erreicht haben. Oder Siebeziehen eine Zeitschrift oder einen Börsenbrief,der Ihnen diese Arbeit abnimmt.

Wer im Jahr 2008 von der Baisse überraschtwurde, aber konsequent und regelmässigdie Aktien bei Neun-Monats-Tiefverkaufte, sobald diese erreicht warenund während dieses Jahres auch keineneuen Aktien kaufte, hatte am Jahresendestatt 40% Verlust wie beim SMI-Indexnur rund 15% Verlust gemacht, weil durchdie ständigen Verkäufe das Depot immerkleiner wurde.

Bei einem Börsenseminar wurde ich einmalgefragt: „Meinen Sie denn wirklich,dass ich neun Monate warten soll, bis ichbei einer Kursschwäche meiner Aktiendiese endlich verkaufen darf?“

Nein, denn so läuft das ja gar nicht.Aktien fallen ja nicht nach einem historischenHoch anschliessend kontinuierlichneun Monate. Nach einem Hoch gibt eserst einmal Korrekturen, die noch nichtschlimm sind. Dann wird das Hoch noch einmal oder mehrmals getestet. Dannfolgt eine längere Seitwärtsbewegung.Und irgendwann wird einmal an einemWochenschluss ein Kurs erreicht, derniedriger liegt als die Wochenschlusskurseder vergangenen neun Monate. Dannist es Zeit, die Aktie zu verkaufen, falls IhrSystem, nach dem Sie sich richten, Ihnennicht schon vorher ein Signal zum allgemeinenAusstieg aus Aktien gegeben hat.

Ich selbst beobachte unter diesemGesichtspunkt wöchentlich 700 Aktienkurseaus aller Welt. Und es ist für michein Alarmsignal, wenn mehr Aktien einneues Neun-Monats-Tief melden als esAktien mit einem neuen Neun-Monats-Hoch gibt. Das war zum Beispiel im Jahr2007 am 26.Oktober der Fall. Wer hierausstieg, konnte die gesamte Baisse2008 vermeiden. Denn erst am 17.April2009 meldeten wieder mehr Aktien einNeun-Monats-Hoch als es Neun-Monats-Tiefs gab.

Freilich gibt auch diese Trend-Methodeab und zu ein Fehlsignal. Ehe man ihrmit massiven Verkäufen (oder im umgekehrtenFall mit Käufen) folgt, sollte manvielleicht lieber noch eine weitere Wocheabwarten. Aber es bleibt dabei, dassgrundsätzlich und in jedem Fall eine Aktiebei Erreichen eines Neun-Monats-Tiefsverkauft werden sollte.

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