Wirtschaft
Veröffentlicht vor 4 Jahre, 6 Monate

Der Saison-Effekt am Aktienmarkt

Ist es nur ein Gerücht? Oder stimmt es, dass die Aktienmärkte weltweit im Winter eher steigen als im Sommer? Vor einigen Jahren jedenfalls waren sich die meisten Analysten einig, dass es so einen Saison-Effekt gibt – auch wenn man gar nicht so genau wusste, warum.

Als häufigste Erklärung wurde genannt, dass die Anleger im Sommer ihr Geld für den Urlaub brauchen und deshalb beim Neukauf von Aktien zurückhaltender sind. Andere erklären den Effekt aus dem Weihnachtsgeld, das nicht nur für Geschenke ausgegeben wird, sondern auch an die Börsen drängt. Außerdem orientieren sich die Fonds zum Jahresbeginn neu und trachten nach einem dynamischen Börsenauftakt im Januar, was die Kurse bereits ab November wieder beflügelt. Hat sich dann erst einmal eine solche Schwankung der Zuflüsse im Bewusstsein der großen Marktteilnehmer festgesetzt, dann verstärkt sie sich, weil man im Folgejahr mit einem ähnlichen Effekt rechnet.

In den letzten fünf Jahren wurde es stiller um dieses Thema; man hatte 2006 bis 2009 erlebt, dass die Monate Mai bis August Kursgewinne brachten, während die Monate Januar bis März in den Jahren 2008 und 2009 verlustreich waren. Und so mehrten sich die Stimmen, die sagten: „Ja, früher mag es so gewesen sein, dass es richtig war, im Mai zu verkaufen. Aber das hat sich eben nun geändert; es lohnt sich nicht mehr, auf den Saisoneffekt besonders zu achten.“

Aber das lässt sich ja überprüfen. Nehmen wir einmal drei Aktienindizes und beobachten sie im Laufe von 57 Jahren: den DAX (Deutschland), den S&P 500 (USA) und den FT 100 (Großbritannien).

Wir teilen die zwölf Monate des Jahres also in zwei Hälften: Das Winterhalbjahr bis zum April, einschließlich der Vorjahresmonate November und Dezember, und das Sommerhalbjahr (Mai bis Oktober).

Anleger A kauft für die kommenden Winterhalbjahre grundsätzlich zum Schlusskurs des letzten Freitags im Oktober. Er investiert zu je 1/3 in den DAX, den S&P 500 und in den FT 100. Zum Schlusskurs des letzten Freitags im April verkauft er alles, und legt erst wieder Ende Oktober neu an.

Anleger B macht es umgekehrt: Käufe am letzten Freitag im April, ebenfalls zu je 1/3 in die drei Indizes, Verkäufe am letzten Freitag im Oktober.

Um Zufallsergebnisse auszuschließen, betreiben beide ihre Anlagepolitik jeweils ein ganzes Jahrzehnt lang. Beginnen wir im Winter 1953/54 und überprüfen, wie die beiden Anleger jeweils in zehn Jahren im Winter- und im Sommerhalbjahr abgeschnitten haben.

In einer weiteren Spalte überprüfen wir, wie es einem Daueranleger jeweils in zehn Jahren ergangen wäre, der immer voll investiert gewesen wäre.

Hier wird deutlich – auch in den vergangenen acht Jahren – dass es so eindeutig jahreszeitliche Stärken und Schwächen am Aktienmarkt gibt, dass man daran nicht vorbeikommt. In jedem Jahrzehnt blieb Anleger A, der im Winterhalbjahr investierte, Sieger. Wenn es Kursgewinne in diesen 57 Jahren gab, so fanden sie meist im Winterhalbjahr statt. Das Sommerhalbjahr brachte nicht viel ein. In der Mehrzahl dieser Jahrzehnte wäre es sogar besser gewesen, im Sommerhalbjahr gar keine Aktien zu halten.

Auch wenn man jedes Jahr für sich betrachtet, so zeigt sich, dass in 43 von 58 Jahren (also in 74% aller Jahre) das Winterhalbjahr besser abschnitt als das Sommerhalbjahr. Im Winterhalbjahr gab es in 50 Jahren nur siebenmal nennenswerte Verluste, und zwar in den Jahren 1962, 1970, 1974, 2001, 2003, 2008 und 2009. Wichtig ist auch, dass sich die Überlegenheit des Winterhalbjahrs gegenüber dem Sommerhalbjahr gleichmäßig durch alle Jahrzehnte hindurch zog und sich nicht auf bestimmte Epochen beschränkte. Die alte Regel „Sell in May and go away“ hat sich also weitgehend bestätigt.

Es liegt daher schon nahe, den „Saisoneffekt“ in unsere Anlageentscheidung mit einzubeziehen.

Freilich hat es innerhalb des Sommerhalbjahrs in den verschiedenen Jahrzehnten Unterschiede gegeben, wann genau die gefährlichste Zeit für die Aktien war. Denn Flautezeiten sind ja nicht ebenso lang wie Aufwärtstrends. In den 80er Jahren waren teilweise die Monate September bis November recht schwach, momentan sind es eher die Monate Juni bis September.

Fazit

Freilich kann sich ein Anleger nicht nur nach dem Saisonfaktor richten. Für eine Investitionsentscheidung am Aktienmarkt ist es selbstverständlich wichtiger, ob die Kurse gerade über- oder unterbewertet sind, ob eine Rezession droht oder nicht, und ob Anlagealternativen wie Bundesanleihen gerade ebenfalls attraktiv sind. Auch ist es nicht zweckmäßig, alle sechs Monate sein Depot aufzulösen und sechs Monate später wieder neu zu investieren. Aber man sollte sich im Klaren sein, dass eine Investition im Sommerhalbjahr in der Regel deutlich riskanter ist als im Winter. Dies kann bei unsicherer Börsenlage durchaus ausschlaggebend sein, ob und in welcher Höhe in Aktien investiert wird.

Kontaktinfo

Uwe Lang

Name Uwe Lang
Position SWISSINVEST Redaktion Börsensignale
Firma Institut für angewandte Finanzmarktanalysen
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