Wirtschaft
Veröffentlicht vor 1 Jahr, 6 Monate

Die aktuelle Pandemievorbereitung in der Schweiz - Teil 1

Eine Pandemie ist die länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung einer Krankheit, im engeren Sinn einer Infektionskrankheit. Pandemien stellen das grösste Risiko für Menschen, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft dar, mit einer erwarteten Schadenssumme im zweistelligen Milliardenbereich (siehe den Risikobericht 2012 des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (BABS)). Nicht nur die nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden investieren deshalb in die Ausarbeitung effizienter und praxistauglicher Pandemiepläne: Auch die Privatwirtschaft versteht zusehends die Bedeutung einer guten Vorbereitung.

Wissen und Erfahrung zeigen, dass Pandemien unterschiedlichen Schweregrades regelmässig auftreten. Denn in der Natur entstehen laufend neue Krankheitserreger. Immer wieder tauchen zum Beispiel neue Influenzaviren mit einem erhöhten Pandemierisiko auf; beispielsweise das seit April 2013 in China auftretende H7N9-Virus. Aber auch das altbekannte Vogelgrippevirus H5N1, ist weiterhin im Umlauf. Die globalen Überwachungssysteme haben indes nicht nur Grippeviren im Visier; in jüngster Zeit erregt etwa das neue MERS-Coronavirus Aufmerksamkeit.

Aufgaben gemacht

Die Öffentlichkeit hierzulande erinnert sich noch gut an die milde Grippe-Pandemie imJahre 2009 und an die damaligen Schwächen der Bewältigung. Doch Fachleute und Gesundheitsbehörden weltweit haben ihre Aufgaben inzwischen gemacht und die Lehren gezogen . Die Schweiz ist heute eines der ersten Länder, das seinen nationalen Pandemieplan total revidiert und damit das Fundament der Pandemievorbereitung neu gelegt hat. Dieses Fundament bildet eine Synthese vielschichtiger Erkenntnisse, eingebettet in die internationalen Gesundheitsvorschriften und das neue Epidemiengesetz (EpG). Es richtet sich in erster Linie an die Kantone und ihre Führungsstäbe. Der Plan ist jedoch grundsätzlich für alle Anspruchsgruppen verbindlich. Natürlich kooperiert die Schweiz dabei auch mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und den umliegenden Ländern, denn eine Pandemie lässt sich letztlich nur durch eine konzertierte nationale und internationale Zusammenarbeit bewältigen. Die folgenden Abschnitte beleuchten die Schwerpunkte des revidierten Krisenplans: Führungsorganisation und Entscheidungsprozesse, Flexibilität und Autonomie, Kommunikation und die heute verfügbaren Massnahmenpakete.

Führungsorganisation und Entscheidungsprozesse

Zahlreiche Unklarheiten in der früheren Planung sind heute mit der gestärkten Führungsrolle des Bundes behoben. Die Entscheidungsprozesse und die Rollen der involvierten Akteure und Schnittstellen hat man geklärt und Massnahmen spezifisch aufgelistet. Die Kantone bleiben in allen Lagen die primären und wichtigsten Vollzugsorgane. Ihnen obliegt es zudem, für die Gemeinden und Städte – aber auch für die Privatwirtschaft – die detaillierten Planungsgrundlagen bereitzustellen.

Flexibilität und Handlungsautonomie

Der neue Pandemieplan fördert die Flexibilität und Zusammenarbeit in der föderalen Schweiz und garantiert Unabhängigkeit bei der Wahl der nötigen Massnahmen. Diese Massnahmen sollen möglichst zielführend, praktikabel und angemessen sein. Letzteres ist durch die Flexibilisierung der Entscheidungsprozesse und die Entkoppelung von den WHO-Pandemiestufen erreicht. Die WHO-Pandemiestufen haben globale Bedeutung, sie können aber nicht alleinige Auslöser für nationale Massnahmen sein. Vielmehr bestimmen Schweregrad und Übertragbarkeit des Virus die strategischen Hauptachsen im Kampf gegen eine Pandemie. Die Lage- und Risikoeinschätzung wird von der Expertengruppe für Risikobeurteilung im Auftrag des Bundes unterstützt.

Kommunikation

Eine schnelle und glaubwürdige Kommunikation gehört im Krisenfall zu den grössten Herausforderungen: Informationen unterschiedlichster Herkunft und Qualität sind im Zeitalter der elektronischen Medien immer leichter und rascher für alle verfügbar. Umgekehrt nimmt der Informationsvorsprung der Behörden stetig ab. Im Verlauf der Eskalation wachsen die Kommunikationsprobleme, was eine klare Führung unverzichtbar macht. Deshalb müssen die Kommunikationsprozesse, Zuständigkeiten und Schnittstellen von Anfang an klar sein. Und das «One Voice-Prinzip» ist ein Muss. Diese Ansprüche werden durch die neu zu schaffende «Kerngruppe Kommunikation» des Bundes befriedigt.

Medizinische und nicht-medizinische Massnahmen

Die Massnahmen zur Pandemiebewältigung wurden im Licht der in der Vergangenheit gewonnenen Erkenntnisse zu Wirksamkeit und strategischem Nutzen neu gewichtet und in Zusammenhang gestellt. Impfstoffe gelten weiterhin als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung einer Pandemie. Der Plan regelt im Weiteren die nicht-medizinischen Interventionen wie Verhaltensmassnahmen, Isolation und Quarantäne, Schulschliessungen und Veranstaltungsverbote.

Lagerhaltung

Das für den Bund kostenlose Tamiflu®-Pflichtlager wurde flexibilisiert und deckt den Mehrbedarf selbst in einer schwereren Pandemie. Für Schutzmasken und andere Medizinprodukte dagegen ist bei einer schweren Pandemie mit einer Verdoppelung des Bedarfs zu rechnen. Die Lagerhaltung der betroffenen Produkte gestaltet sich schwieriger, weil durch die Kapazitäten des Marktes limitiert. Künftig will man sie mittels Verteilung auf Bund, Kantone und Lieferanten breiter abstützen und so verbessern. Davon unabhängig hat die Privatwirtschaft nach Obligationenrecht (OR) die gesetzliche Pflicht, zum Schutz der Gesundheit der Arbeitnehmenden alle Massnahmen zutreffen, die nach der Erfahrung notwendig, nach dem Stand der Technik anwendbar und im Hinblick auf die Verhältnisse des Betriebs angemessen sind.

Nächste Schritte

Aus Sicht des BAG liegt die wichtigste Aufgabe bei den Kantonen. Sie sollen ihre Pandemiepläne aktualisieren und – wo sinnvoll – untereinander abstimmen; hierzu gibt eine Checkliste im Pandemieplan die nötigen Hinweise. Darüber hinaus sind jedoch alle staatlichen und privaten Akteure aufgefordert, ihren Teil der Verantwortung wahrzunehmen und mitzuarbeiten. Eine optimale Pandemiebewältigung hängt wesentlich von der im Voraus gemeinsam entwickelten Kultur einer eingespielten engen Zusammenarbeit ab. Es ist Aufgabe der Kantone, in ihrem Bereich diese Integrationsleistung zu erbringen und die Parteien an einen Tisch zu bringen. Aber auch auf Bundesebene gibt es noch viel zu tun. So sind die Einzelheiten zur Logistik von Impfstoffen und antiviralen Medikamenten festzulegen. Die derzeit laufende Revision der Lager für Medizinprodukte (Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Untersuchungshandschuhe) beabsichtigt, die Versorgungssicherheit zu verbessern. Mit der Inkraftsetzung des Epidemiengesetzes sollen die einzelnen Prozesse noch besser ihrer gesetzlichen Grundlage zugeordnet werden. Nicht zuletzt ist das „Handbuch für die betriebliche Vorbereitung“, ein Gemeinschaftswerk des BAG und des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), ein beliebter Ratgeber für die betriebliche Kontinuitätsplanung von KMU. Das Dokument wird zurzeit revidiert und im Herbst 2014 zur Verfügung stehen.

Kontaktinfo

Heinrich Lehmann

Name Heinrich Lehmann
Position MSc
MAE
Firma
Bundesamt für Gesundheit
Sektion Krisenbewältigung & Internationale Zusammenarbeit
Adresse
Schwarztorstr. 96
CH-3003 Bern

Uwe Müller-Gauss

Name Uwe Müller-Gauss
Position Dipl. Technischer Kaufmann eidg. FA
Dipl. Entrepreneur FH
Executive MBA 
Firma Müller-Gauss Consulting
Adresse Fröschlezzen 11
CH-8340 Hinwil
Telefon +41 (0)44 938 05 04
Online uwe.mueller@gauss-consulting.ch
www.gauss-consulting.ch
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