Unternehmenskommunikation
Veröffentlicht vor 1 Jahr, 10 Monate

Die Laut-Leise-Klischees

Warum introvertiert nicht langweilig bedeutet und extrovertiert nicht immer unterhaltsam ist

Wer die Begriffe introvertiert oder extrovertiert hört, verbindet mit ihnen bestimmte Eigenschaften. Oft schneidet „introvertiert“ dabei schlechter ab: Intros wirken auf viele Extros einzelgängerisch, durchsetzungsschwach oder einfach wie langweilige graue Mäuse. Extrovertierte dagegen verbinden viele Menschen bewusst oder unbewusst mit Eigenschaften wie Sozialkompetenz, Führungsstärke oder Herzlichkeit. In den letzten Jahren hat sich diese Wahrnehmung zum Glück zugunsten der Introvertierten verschoben. Das „Hochjubeln“ von Intro-Stärken ist zwar ein schöner Ausgleich, hat aber ebenfalls Verzerrungen zur Folge. Wahr ist: Intros wie Extros haben ihre jeweils eigenen Stärken, die ihnen Erfolg, Durchsetzungskraft und gute soziale Beziehungen ermöglichen. Sie haben aber auch ihre jeweils eigenen Hürden und Bedürfnisse, die sie zu den Persönlichkeiten machen, die sie sind.

ntrovertiert bedeutet wörtlich „nach innen gewandt“; extrovertiert heißt entsprechend „nach außen gewandt“. Als C. G. Jung 1921 die beiden Persönlichkeitsmerkmale erstmals beschrieb, konnte er noch nicht ahnen, dass sich die Unterschiede zwischen den beiden Typen einmal mit Bezug auf biologische Eigenschaften beschreiben lassen würden. Er ging davon aus, dass die psychische Energie bei Intros nach innen und bei Extros nach außen fließt. Intro- und extrovertiert werden heute nicht mehr als Gegensätze gesehen, die die Menschen in zwei Kategorien unterteilen. Vielmehr gelten die Merkmale als äußerste Punkte einer Persönlichkeitsskala. Jeder Mensch hat sowohl intro- als auch extrovertierte Eigenschaften, neigt aber meistens einer Ausprägung zu, wobei sich ein Grossteil der Menschen in einem gemäßigten mittleren Bereich befinden. Wer klar »in der Mitte« liegt, heißt in der Fachsprache übrigens ambi- oder zentrovertiert.

Sind wir nicht alle ein bisschen intro?

Gerade die leisen Menschen haben es nicht leicht in unserer lauten Welt. Besonders im Berufsleben haben introvertierte Menschen oft mit nicht typgerechten Arbeitsumgebungen zu kämpfen oder müssen sich die nötige Akzeptanz mit besonders viel Energie erarbeiten. Der Grund: Sie sind im sozialen Miteinander häufig zurückhaltend, fallen im Vergleich zu ihren lauten Extro-Kollegen weniger auf und werden leicht übergangen. Dabei haben Intros wichtige Stärken, die ihre lauten Mitmenschen nicht vorweisen können und um derentwillen sie sehr geschätzt werden, wenn die Extros erst einmal darauf aufmerksam geworden sind: Intros sind gute Planer, können intensiv und konzentriert zuhören, denken analytisch und strukturiert und verfügen über ein großes Einfühlungsvermögen. Intros sind Beobachter – und das ist leider oft auch ein Problem. Sie beobachten ihre Umwelt lieber, als auf sie zuzugehen. Viele Intros schätzen daher die Zusammenarbeit mit Extros sehr, da diese mühelos Kontakte knüpfen, Small Talk halten und dabei auch noch jede Menge Spaß haben.

Warum Sport nicht immer fit und Meditation manchmal wahnsinnig macht

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das persönliche Energiemanagement. Intros und Extros ziehen aus unterschiedlichen  Quellen Energie. Wer da per Autopilot von allgemeinen Empfehlungen ausgeht, liegt rein rechnerisch in der Hälfte der Fälle ziemlich schief! Ein extrovertierter Mensch erzeugt die von ihm benötigte Energie gewissermaßen wie ein Windrad: Er braucht zuerst die Impulse von außen, um sie herzustellen. Zweitens muss er in diesem Prozess selbst in Aktion sein und sich dynamisch „drehen“. Ein Intro ist dagegen wie ein Akku: Er lädt sich im Ruhezustand auf, ohne jegliche äußere Einflüsse und verzichtet in dieser Phase am liebsten auf Aktivitäten. Intros brauchen mehr Zeit, bis sie ihre Energie zurückgewonnen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Extro „lebendiger“ ist als ein Intro! Ebenso heißt es nicht automatisch, dass Introvertierte ruhiger sind als Extrovertierte. Selbst das Etikett „schüchtern“ hat absolut nichts mit Introversion zu tun. Schüchterne Menschen haben vor allem eins: Angst vor sozialen Kontakten. Sie fühlen sich Begegnungen mit anderen oft nicht gewachsen. Diese Angst hat jedoch nichts mit dem Intro-Extro-Kontinuum zu tun: Sie kann beide Typen „heimsuchen“.

Nicht gleichartig, aber gleichwertig

Wichtig ist vor allem eins: Menschen sollten nicht nach dem Grad ihrer Intro- oder Extroversion bewertet werden. Beide Ausprägungen mit ihren Eigenheiten sind wichtig und wertvoll. Intros und Extros ergänzen einander und können sich gegenseitig helfen, ihre Perspektiven zu erweitern und neue Blickwinkel zu nutzen. Hier sind gegenseitige Toleranz und Wertschätzung angebracht. Leise Menschen, die im sozialen Miteinander zurückhaltend sind, gelten schnell als „unsozial“ – zu Unrecht. Introversion und Eigenschaften wie Freundlichkeit oder Interesse an Mitmenschen sind ganz unterschiedliche Bereiche der Persönlichkeit. Ebenso ist nicht jeder extrovertierte Mensch auch automatisch ein charismatischer Entertainer. Alle Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen einander und profitieren von unterschiedlichen Fähigkeiten der Gruppenmitglieder. Extros bieten Intros etwas, was diese weniger haben: energische Impulse, spontanes Handeln, Motivation. Umgekehrt geben Intros ihren extrovertierten Zeitgenossen etwas, was in diesen nur schwach angelegt ist: z.B. kluges Innehalten, tiefe Beziehungen, Reflexion und ein offenes Ohr.

Intros sind meist zuverlässig, konzentriert und substanzielle Gesprächspartner. Sie sind beharrlich, ruhig und können sich oft sehr gut in andere hineinversetzen. Innerhalb der Kommunikation strahlen Intros deshalb häufig eine Intensität und innere Präsenz aus, die Gesprächspartner wesentlich mehr beeindrucken können als die auffällige Präsenz eines Extros. Für ihre Gesprächspartner hat das angenehme Folgen: Intros können sich ganz auf sie einstellen und ihnen echte Aufmerksamkeit schenken – eine wertvolle Währung im sozialen Miteinander.

Der typische extrovertierte Mensch …

  • regeneriert sich durch Kontakt mit anderen Menschen („Windrad“).
  • zieht Energie aus Unternehmungen und Austausch.
  • spricht und handelt oft spontan ohne nachzudenken – und klärt das eigene Denken beim Reden.
  • handelt lieber, anstatt lange zu beobachten.
  • kommt durch Zeitdruck und Deadlines in Schwung und mag „schnelle Schnitte“.
  • arbeitet am liebsten abwechselnd an verschiedenen Projekten.
  • braucht wenig persönlichen Raum.
  • hat aus seiner Sicht viele Freunde.
  • findet Small Talk anregend, unterhaltsam und initiiert neue Kontakte mit vielen Menschen.
  • ist schnell gelangweilt.
  • arbeitet gern gemeinsam mit anderen im Team.
  • lässt sich leicht ablenken.
  • braucht Stimulation durch Menschen, Orte, Aktivitäten.
  • schätzt Zustimmung und positives Feedback zu dem, was er tut und bewirkt.

Der typische introvertierte Mensch …

  • regeneriert sich durch Ruhe und Alleinsein („Akku“).
  • braucht nach Unternehmungen und Austausch Zeit zum Ausruhen – am besten allein.
  • denkt am liebsten nach, bevor er redet oder handelt und redet erst, wenn der Inhalt durch Reflexion geprüft ist.
  • beobachtet viel, handelt entsprechend.
  • findet Zeitdruck anstrengend und bevorzugt größere Zeitfenster zum Nachdenken oder vor einer Entscheidung.
  • arbeitet am liebsten gründlich und an einem Stück an einer Sache.
  • schätzt persönlichen Raum (wie z. B. eigenes Zimmer, räumlichen Abstand zu anderen Menschen in Gruppen).
  • hat aus seiner Sicht einige wenige Vertraute, die er Freunde nennt.
  • findet Small Talk mühsam und oberflächlich, bevorzugt Gespräche mit Tiefgang und mit einer oder wenigen Personen.
  • wartet gern darauf, dass andere die Initiative ergreifen und auf ihn zugehen.
  • braucht wenig äußere Anregungen.
  • arbeitet gern allein oder mit einer anderen Person.
  • lässt sich leicht stören.
  • beschäftigt sich gern mit eigenen Gedanken.
  • schätzt Akzeptanz der eigenen Person – das gibt ihm Sicherheit und mildert Selbstzweifel.

Es gibt Vorurteile und Stereotype, die das Bild von intro- und extrovertierten Persönlichkeiten prägen. Bei genauerem Hinsehen ergibt sich eine facettenreiche Vielfalt – und so manche Überraschung, weil die Unterschiede zwischen „Intros“ und „Extros“ in ganz anderen Bereichen liegen, als normalerweise angenommen wird. Weder Extroversion noch Introversion sind gut oder schlecht, besser oder schlechter. Beide Persönlichkeitsausprägungen sind Mischungen aus Vor- und Nachteilen, Stärken und Schwächen.

Sowohl intro- als auch extrovertierte Menschen haben aufgrund ihrer Persönlichkeitsausprägung besonders häufig bestimmte Stärken. Diese Stärken helfen im Umgang mit sich selbst und anderen, bei der Verfolgung von Zielen und der Gestaltung der eigenen Lebenswelt. Außerdem gibt es auch intro- und extrotypische Hürden. Diese Hürden verweisen auf besondere Bedürfnisse und Herausforderungen der beiden Persönlichkeitstypen. Sie zu kennen ist wichtig, damit sie gerade in schwierigen Situationen nicht zu Komplikationen, Energieverschwendung oder Kommunikationsproblemen führen.

Zentrovertierte haben als Persönlichkeiten in der Mitte des Intro-Extro-Kontinuums einige Vorteile, die ihnen gleichzeitig Flexibilität und Stabilität ermöglichen. Allerdings stehen sie in dieser mittleren und weniger spezifischen Position vor der Aufgabe, ihre individuellen und sozialen Bedürfnisse für sich persönlich auszubuchstabieren.

Und Sie? Sind Sie ein Intro, Extro oder vielleicht Zentro?

Machen Sie den Test: Unter http://www.intros-extros.com/online-test/ können Sie herausfinden, welcher Typ Mensch Sie sind.

Kontaktinfo

Dr. Sylvia C. Löhken

Name Dr. Sylvia C. Löhken
Position Kommunikationsexpertin
Firma textATRIUM
Adresse Markt 7
D-53111 Bonn
Telefon +49 (0)228 336 75 32
Online info@intros-extros.com
www.intros-extros.com
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