Wirtschaft
Veröffentlicht vor 4 Jahre, 11 Monate

Doktor- und Professorentitel – Viel Können oder nur schöner Schein?

Die Diskussionen um die Dissertation des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg haben bis heute wohl mehr Seiten gefüllt, als die Arbeit selbst. Dabei ist der „Fall“ zu Guttenberg nur ein Symptom für einen Trend in unserer Gesellschaft, sich mit akademischen Titeln zu schmücken. Das Thema ist nicht neu, aber selten so aktuell. Wir beobachten derzeit eine wiedererwachte Titelgier in Deutschland.

Der Weg zum Doktortitel

Besonders beliebt ist der Doktorgrad. Der Titel wird i. d. R. nach der Erstellung einer in sich abgeschlossenen, wissenschaftlichen Arbeit, deren positive Bewertung durch zwei bis drei Gutachter, einer erfolgreichen Prüfung/Verteidigung (Disputation oder mitunter auch Rigorosum) und i. d. R. auch erst nach der Veröffentlichung oder Ausgabe von Pflichtexemplaren der Schrift verliehen. Auch ist es z. T. möglich, eine Reihe einzelner, weniger umfangreicherer wissenschaftlicher Schriften einzureichen (sogn. kummulative Dissertation). Den Verfahren (Promotion) liegen an den Universitäten „Promotionsordnungen“ zugrunde, die auch die Voraussetzungen zur Promotion festlegen (i. d. R. Abschluss eines Studiums an einer akademischen Hochschule (Universität)), deren Einhaltung von Promotionskommissionen für jeden Fall überwacht werden. An angelsächsischen Universitäten und auch zunehmend in Deutschland werden zudem „Promotionsstudiengänge“ mit Seminaren und Kolloquien angeboten, die die Erstellung der Arbeit begleiten.

Trotz weitgehend gleicher Promotionsordnungen sind Aufwand und Zeit für den Titel im Einzelfall sehr verschieden: Während Ingenieure (Dr.-Ing.) sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler (Dr. Phil./ Dr. rer.pol. u. a.) zur Promotion traditionell am längsten benötigen (vielfach 5 bis 6 Jahre), absolviert die Masse der medizinischen Doktoranden den Prozess unter einem Jahr, und dies meist bereits während des Studiums. In den Rechtswissenschaften, den Kommunikationswissenschaften oder auch in der Chemie sind ebenso eher kürzere Promotionszeiten die Regel. Gleichwohl finden sich auch innerhalb der Fachdisziplinen große Unterschiede in Aufwand und Qualität. Dabei ist es mitunter von Bedeutung, ob die Schrift rein theoretisch oder mit empirischen oder experimentellen Leistungen verbunden ist. Letzteres bedeutet i. d. R. auch längere Bearbeitungszeiten. Und so verschieden die Bearbeitungszeiten sind, so auch die Umfänge der Schriften, die von Einzelfällen mit vier bis zehn Seiten bis hin zu denen mit über 1000 Seiten reichen. Gleichwohl korrespondiert Umfang nicht mit Qualität, die durch die Gutachter anhand einer lateinischen Skala von „rite“ (entspricht dem bekannten „ausreichend“) bis „summa cum laude“ (mit höchsten Lob, was mehr als „sehr gut“, also mit Auszeichnung ist) bewertet wird.

Dieser Weg zum Doktortitel ist mühsam, auch wenn sich manche Kandidaten die Arbeit durch die Unterstützung eines „Ghostwriters“ erleichtern – ein gravierender Verstoß. Aber es geht auch anders: So werden Doktorgrade auch ehrenhalber verliehen (Dr. h. c.). Diese Gunst erfahren z. B. Persönlichkeiten, die zwar bereits wissenschaftlich herausragende Leistungen vollbracht haben, aber bislang nie promoviert hatten. Viele Ehrendoktoren werden z. B. auch für Aufbauleistungen an einer Universität, verliehen, und mitunter erhalten Prominente diesen Titel auch ohne spezifische Voraussetzungen, so Politiker, Wirtschaftskapitäne und z. T. auch Schauspieler. Und dann gibt es noch die – primär im Ausland ansässigen – Hochschulen, die den Titel faktisch für Geld verleihen, ja sogar über Ebay anbieten, z. T. durch „Promotionsberater“ vermittelt.

Was bringt der Doktor?

Was nützt der Titel nun, wenn er ihn nicht originär der Qualifizierung oder dem Interesse an der Wissenschaft dient? In manchen Berufsgruppen ist der Doktor sogar Voraussetzung, ein Einstellungskriterium. In anderen Disziplinen stellt er eine Art „guten Ton“ da, wie etwa bei Ärzten. Chemikern wird nachgesagt, sie hätten ohne Titel nur wenige Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Unternehmensberater hoffen auf höhere Reputation und Kompetenzanmutung. Zudem soll der Doktorgrad je nach Schätzung 200 bis 700 T€ über das Arbeitsleben hinweg einbringen. Und nicht zuletzt schmeichelt es wohl vielen Titelträgern, wenn sie am Telefon, im Hotel, bei Vorträgen, bei Buchungen, Bestellungen oder beim Arzt mit dem Titel angesprochen oder bevorzugt behandelt werden. Studien zeigen: Nach wie vor wird promovierten Personen mehr Glaubwürdigkeit und Respekt entgegen gebracht. Mit dem Titel wird der Träger sogleich in einer höheren gesellschaftlichen Stellung wahrgenommen.

Wege zum Doktortitel…

Der klassischer Weg: Erwerb des Grades über ein Promotionsverfahren im In- oder Ausland.

  • Verfahren ist in der Promotionsordnung festgelegt, wird vom Promotionsausschuss gesteuert und überwacht, dazu gehören:
  • Voraussetzungen (z. B. akademischen Hochschulabschluss)
  • Schrift: Doktorarbeit
  • Begutachtung durch 2 bis 3 Gutachter
  • Verteidigung (Disputation, Rigorosum)
  • Publikation / Pflichtexemplare
  • ggf. weitere Auflagen
  • Typische Abschlüsse/Grade:
  • Ingenieur- /Naturwissenschaften: Dr.-Ing., Dr. rer. nat.
  • Medizin: Dr. med.
  • Jura: Dr. jur.
  • Sozial-/Wirtschaftswissenschaften, Philosophie: Dr. phil., Dr. rer. pol., Dr. rer. oec., Dr. jur.
  • Angelsächsischer Raum: PhD (Doctor of Philosophy)
  • Frankreich: Doktor, Honorable
  • In der DDR: A-Promotion
  • Besonderheiten: Auch in Deutschland steigende Zahl von „Promotionsstudiengängen“ mit intensiver Betreuung der Doktoranden
  • Anerkennung ausländischer Doktorentitel: Welche Titel von welche Institution in Deutschland anerkannte sind und geführt werden dürfen, kann in der Datenbank ANABIN der Kultusministerkonferenz (KMK) nachgesehen werden.
  • Wissenschaftliches Fehlverhalten: Plagiate (nicht kenntlich gemachte Übernahme fremder Texte), unzulässige Hilfen durch Dritte, Verfälschungen von z. B. empirischen Studien und Ergebnissen, Ghostwriting u. v. m.  führen zu Aberkennung von Graden/Titeln sogar sind ggf. auch strafrechtlich relevant
  • Vorsicht bei: Promotionsberatern, Doktortiteln von Hochschulen, die keine oder geringe wiss. Leistungen aber Geldzahlungen verlangen.

Ehrendoktor:

  • Verleihung durch eine Hochschule aus dem In- oder Ausland ohne explizites Promotionsverfahren oder eine Doktorarbeit, sondern für…
  • Lebenswerk

Alles dies sind Motive, die dazu antreiben, den Titel notfalls auch über Wege zu erwerben, die fragwürdig oder sogar unseriös sind, ja sogar den Titel zu führen, ohne irgendeine Urkunde in den Händen zu halten. Das Risiko, dass Fehler oder der anrüchige Erwerb aufgedeckt werden, wird scheinbar in Kauf genommen.

Vom Doktor zum Professor

Aber es gibt nicht nur immer mehr Doktoren. Mehr und mehr tragen den Titel „Professor“ vor ihrem Namen – Personen, die so oft gar keine Tätigkeit an Hochschulen ausführen. Allein der Blick durch die Vorstandsetagen deutscher Unternehmen, aber auch in die Medien zeigt: Es gibt immer mehr Professoren – aber gibt es auch immer mehr Hochschullehrer? Wie und warum nimmt die Zahl der so genannten Professoren rapide zu, die der hautamtlichen Professoren an den Hochschulen aber ab?

Trotz des vielfach herrschenden Bildes des ergrauten Lehrers und weltfremden Tüftlers wird ihnen doch von Vielen Respekt und auch Neid entgegen gebracht. Wer möchte sich nicht gerne Professor nennen? Aber viele, die sich Professor nennen, sind gar nicht Lehrer oder Forscher, sondern in Wirtschaft oder Verwaltung tätig, sind mitnichten „Ordinarien“ an Universitäten. In anderen Ländern wird der Titel sogar sehr schnell verliehen: In den USA wird der Titel „Assistentprofessor“ mit Anstellung an der Uni bereits nach der Promotion verliehen. In Frankreich lässt sich sogar jeder Schullehrer mit le professeur ansprechen. So unterschiedlich die Leistungen hinter den Doktortiteln, so verschieden sind auch die Qualifikationen und Wege für die Professorentitel. Titel und Beruf des Professors sind Zweierlei.

Professor als Beruf

Für den Beruf ist formal qualifiziert, wer an Fachhochschulen (FH) und ähnlich auch Berufsakademien (BA) i. d. R. ein Universitätsstudium, eine gute Promotion und fünf Jahre Berufserfahrung (davon mind. 3 nicht an der Hochschule) sowie Lehrerfahrung und Publikationen nachweist. Der Beruf des FH-Professors ist dann mit einer nahezu freien Arbeitszeitgestaltung und einer Lehrverpflichtung von bis zu 18 h pro Woche verbunden. Die weitere Zeit soll der Hochschullehrer für Vor- und Nachbereitung, persönliche Betreuung der Studenten, Klausuren sowie Mitarbeit in der Hochschulselbstverwaltung verwenden. Für bis zu 9 h pro Woche kann er sich Nebentätigkeiten genehmigen lassen. An Universitäten sind die Anforderungen - besonders die wissenschaftliche Qualifikation - höher. Denn während der FH-Professor primär der Lehre verpflichtet ist, wird an Universitäten gleichwertig Lehre und Forschung verlangt, warum die Lehrverpflichtung auch nur bis zu 9 h pro Woche beträgt. An Universitäten wurde bislang – zumindest in den Geistes- und Sozialwissenschaften – auch die Habilitation (die „venia legendi“, die Befähigung und Befugnis zum Lehren) und eine größere Zahl anerkannter wissenschaftlicher Publikationen verlangt, wie auch umfangreiche Lehrerfahrung. Heute wird die Habilitation weitgehend durch eine 6-jährige Zeit als Juniorprofessor ersetzt. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können sich so geeignete Personen um Professuren oder Lehrstühle bewerben: Die Auswahl erfolgt an allen Hochschulen über ein aufwendiges „Berufungsverfahren“, an dessen Ende der/die Auserwählte dann „berufen“ wird. In seltenen Fällen kann einem tätigen Hochschullehrer auch ohne Berufungsverfahren den Professorentitel zuerkannt bekommen, wenn er nach der Habilitation und 6 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit noch keinen Ruf erhalten hat (Außerplanmäßiger Professor). An Kunsthochschulen wird auch ohne Promotion oder Habilitation, manchmal sogar ohne Studium berufen, da dort die künstlerische Leistung im Vordergrund steht. Im Ausland kommt noch der Titel des außerordentlichen Professors hinzu.

Wege zum Professorentitel…

Titel aus Hochschullehrertätigkeit/Beruf:

  • Verleihung an Hochschullehrer in Deutschland an:
  • Universitäten (Uni)
  • Fachhochschulen (FH)
  • Berufsakademien (BA)
  • Voraussetzungen:
  • Uni: i. d. R. Studium, Promotion, ggf. auch Habilitation (USA: Higher Doctorate, DDR: B-Promotion) oder nach Juniorprofessur, angemessene Publikationen und Lehrerfahrung
  • FH/BA: i. d. R. Studium, Promotion, Tätigkeiten in der Wirtschaft oder Fachinstitution
  • Kunsthochschulen: mitunter nur künstlerische Qualitäten
  • Formal: Berufung durch Landesminister an eine Hochschule nach Berufungsverfahren

Außerplanmäßige Professoren:

  • Titel durch Verleihung an i. d. R. habilitierte Hochschullehrer, die noch nie berufen wurden, aber mind. 6 Jahre qualifizierte Lehrtätigkeit nachweisen können
  • Sind als Hochschullehrer tätig.

Junior-Professor

  • Hochschullehrer, die nach der Promotion sich statt mit einer Habilitation über die Lehre und Forschungspublikationen weiter qualifizieren

Assistenzprofessor, Assistent-/Associate-/Full Professor, Außerordentlicher Professor

  • Titel für Hochschullehrer, die in anderen Ländern für verschiedene Stufen der Qualifikation und Stellung in der Hochschule verwendet werden

Gastprofessor:

  • Titel für Dozenten, die ein oder mehrere Semester an Gäste an einer Hochschule lehre, i. d. R. nur Lehrveranstaltungen betreiben, mitunter aber auch in Forschungsaustausch und -projekten vor Ort tätig sind, kein Berufungsverfahren, i. d. R. Rückgabe des Titels nach Ende der Dozentenschaft

Honorarprofessor:

  • Verleihung durch eine Hochschule oder ein Bundesland, desgl. im Ausland ohne

Professor als Titel

Man muss nicht Hochschullehrer sein, um den Professorentitel zu führen: Gastprofessoren sind hochschulexterne Dozenten, die semesterweise nebenberuflich lehren. Den Titel dürfen diese aber nur in einigen Bundesländern führen. Eine stark wachsende Gruppe sind die Honorarprofessoren. Sie sind von einer Hochschule oder von Landesministerien zum Professor ernannt worden. Sie sind lediglich verpflichtet, regelmäßig eine Lehrveranstaltung anzubieten und in seltenen Fällen noch nicht einmal dies. Es sind i. d. R. Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien/Kultur, die allerdings vielfach weder von der Qualifikation noch von der Tätigkeit her Hochschullehrer sind. Sie dürfen jedoch den Titel dauerhaft tragen, vergessen leider nur zu häufig das Wort „Honorar“ in ihrem Titel. Und der mehr oder minder direkte Kauf von Professorentiteln ist auch möglich. Dazu muss man noch nicht einmal in die Ferne schweifen. Besonders beliebt ist Osteuropa, wo gerne Doktoren- und Professorentitel verliehen werden, wenn nur der so Geehrte „die Kosten der Verleihung übernimmt“. Mittlerweile ist auch China „ein Markt“ und das – wer hätte es anders vermutet – mit Discountangeboten. Aber es scheinen gerade diese Personen zu sein, die so erworbenen Titel besonders gerne in Deutschland hervorheben, und mitunter sogar in Firmenname und -logo übernehmen.

Die Motive für Titel oder Beruf

Obwohl mit dem Honorarprofessor auch in Wissenschaft und Lehre verdiente Persönlichkeiten geehrt werden, sind es häufig auch „nur“ Einflussreiche und Prominente. Die Hochschulen erhoffen sich von ihnen Vorteile und Gelder aus Wirtschaft und Politik und bedienen dafür die Eitelkeit der Honorierten.

Und so entsprechen die Motive der Träger dieses Titels denen der Doktoren. Doch die Strahlkraft des Professors ist ungleich größer und breiter. Er vermittelt den Eindruck von Wissenschaftlichkeit, Kulturaffinität, intellektueller Überlegenheit und gesellschaftlich exponierter Stellung. Gleichwohl dürfte der Professorentitel weniger als Karrierebeschleuniger dienen, denn diejenigen, die den Professor nur als Titel führen, haben i. d. R. dass Ende ihrer Karriereleiter erreicht, mehr Einkommen ist hiermit kaum erzielbar. Er wird zur – mitunter fragwürdigen – Krönung der Karriere.

All dies führt zu einer Inflation von Professoren, die der Außenstehende nur schwer bewerten kann: Ist es ein Professor von Beruf oder nur vom Titel, und woher kommt er – von der Universität, der FH oder BA? Ist er wissenschaftlich oder künstlerisch? Wenn dies nicht mehr zu differenzieren ist, dann wertet der Professor vor dem Namen diejenigen auf, die ihn nur als Titel benutzen, und wertet diejenigen ab, die ihn als Berufsbezeichnung erhalten haben. Wenn dies nicht mehr sichtbar wird, dann wertet es diejenigen Professoren ab, die nicht nur den Titel benutzen, sondern ihn ihres Berufes wegen tragen.

Auch steht die Vergütung der „echten Professoren“ in keinem Verhältnis zur Qualifikation und der mit der Dienstrechtsreform eingeführte – eigentlich sinnvolle – Leistungsaufschlag wird dann unsinnig, wenn die Leistung kaum objektiv zu beurteilen ist, er leicht umgangen werden kann und er bei der nächsten globalen Budgetkürzung wieder wegfällt. Geld kann für den Beruf also nicht motivieren, es sei denn, man nutzt die Zeit für Forschung für kommerzielle Tätigkeiten. Das wird allerdings immer schwieriger. Für den Beruf des Hochschullehrers benötigt man heute viel und in Zukunft noch mehr Idealismus. Da nützt auch der schöne Titel nichts – den kann man, wie gesagt, auch anders „erwerben“.

Kontaktinfo

Prof. Dr. Jörn-Axel Meyer

Name Prof. Dr. Jörn-Axel Meyer
Position Vorstandvorsitzender und wiss. Direktor des Deutschen Instituts für kleine und mittlere Unternehmen
Firma Deutsches Institut für kleine und mittlere Unternehmen
Adresse Knesebeckstrasse 33
D-10623 Berlin

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