Wirtschaft
Veröffentlicht vor 3 Jahre, 9 Monate

Kann sich die Börse irren?

„Die Börse hat immer Recht!“ Diesen Ausspruch müssen sich Anleger immer wieder gefallen lassen, wenn sie auf das falsche Pferd gesetzt haben, also zum Beispiel nach massivem Aktienkauf in eine Baisse geraten sind. Oder wenn sie zu früh verkauft haben, weil sie einem weiteren Kursanstieg nicht trauten. Da hilft dann kein Jammern und Klagen. Man ist falsch gelegen. Denn „die Börse“ hat ja immer Recht und ist dabei unerbittlich.

Befragt man Universitätsprofessoren mit dem Fachbereich „Wirtschaft“, ob denn die Börse immer Recht habe, dann wird man meist die Antwort hören, dass dies sehr wohl zutreffe. Und die betreffenden Professoren gehen sogar noch einen Schritt weiter und erklären die jeweils neuesten Kurse für objektiv. Denn diese erhielten alle gegenwärtig bekannten Informationen. Die sind in den Kursen voll berücksichtigt. Die Zukunft kenne niemand. Daher sei es auch falsch, aus einem momentanen Trend die Zukunft ablesen zu wollen. Trends könnten sich aufgrund neuer Informationen wieder schnell ändern. Aber ob und wann dies geschieht, darüber zu spekulieren sei nicht Erfolg versprechender als zu würfeln. Was kommen wird, das wisse man einfach nicht.

Diese für den Anleger nicht sehr angenehme Auffassung nennt man „Theorie der effizienten Märkte“. Und es gibt mehrere scheinbare Beweisführungen, dass diese Theorie richtig sei. So staunen immer wieder Besitzer von Aktien eines Unternehmens, warum der Kurs einfach nicht steigen will, obwohl ständig gute Nachrichten über die Firma publiziert werden. Da werden glänzende Eigenkapitalquoten und hohe Quartalsgewinne gemeldet. Doch warum steigen die Kurse nicht? Es ist ganz einfach: Die Börse hat diese guten Zahlen längst geahnt, die Kurse waren daher schon längst vorher gestiegen. Und genau aus diesem Grund kann sie die Publikation solcher Meldungen nicht mehr vom Sessel reissen. Eher im Gegenteil. Wenn die Veröffentlichung positiver Meldungen den Kurs nicht mehr weiter nach oben zieht, dann kann es im Grunde künftig nur noch abwärts gehen. So denken erfahrene Börsianer und verkaufen erst einmal, um sich die Kursgewinne zu sichern.

Die Vertreter der Theorie der „effizienten Märkte“ haben noch ein zweites gutes Argument. Wenn man aus gegenwärtigen Zahlen von Unternehmen oder aufgrund von Trends künftige Börsenkurse vorhersehen könne, dann würden Fondsmanager, die sich tagtäglich damit befassen, doch sehr viel besser abschneiden als ein Aktienindex, der nur den Durchschnittsverlauf des Marktes wiedergebe. Doch die Mehrzahl der Aktienfonds schneidet Jahr für Jahr deutlich schlechter ab als ihr vergleichbarer Aktienindex, wie sich immer wieder statistisch nachweisen lässt.

Nicht einmal die Topmanager eines Unternehmens, die ja Insider sind, treffen stets die richtige Entscheidung bei ihren Käufen und Verkäufen eigener Aktien, es sei denn, es handele sich um ganz entscheidende Informationen wie eine drohende Insolvenz. Aber in solchen Fällen ist Insiderhandeln ohne vorherige Publikation ja strafbar.

Schlussfolgerung: Es gebe keine Möglichkeit, an der Börse etwas vorherzusagen. Wer Recht hat, das entscheidet erst die Zukunft. Und wer sich damit brüste, er habe dies oder jenes vorhergesehen, habe einfach Glück gehabt, oder setze auf die Vergesslichkeit seiner Leser.

Dass sich die Börse ständig irrt, ist leicht nachweisbar

Trotzdem bin ich kein Anhänger der Theorie der effizienten Märkte und kann das auch begründen. Wären die Kurse, wie hier des Schweizer Aktienindex, wirklich zu jedem Zeitpunkt „effizient“ gewesen, dann dürften sie in den letzten zwölf Jahren nicht derart heftigen Schwankungen unterliegen wie in der Graphik zu sehen ist. Denn es ist unmöglich, dass ein Indexkurs binnen zwei Jahren einmal bei 9000 Punkten „richtig“ gewesen sei und zwei Jahre später nur noch 3600 Punkte. Schon aus diesem Beispiel ist erkennbar, dass Börsen unsicher sind, sich tastend und suchend bewegen und auch mal gehörig nach oben und nach unten übertreiben.

Wie wenig effizient die Börsenkurse sind, zeigte sich ganz deutlich zur Jahrhundertwende bei den Neuen-Markt-Aktien. Wenn die Internet-Tochtergesellschaft eines Konzerns, der 80% der Aktien der Tochtergesellschaft hielt, mehr Börsenwert hatte als die Konzernmutter, dann waren das nach den Regeln des gesunden Menschenverstands eben viel zu hohe Kurse bei der Tochtergesellschaft.

Das zeigt, dass ein gegenwärtiger Kurs einer Aktie oder auch eines Aktienindex nicht nur objektive Informationen enthält, sondern auch eine Menge an unrealistischen Hoffungen und Ängsten, die mit in den Kurs eingeflossen sind.

Der wahre Wert eines Aktienindex lässt sich langfristig bestimmen

Langfristig gesehen, unter Weglassung der kurz- und mittelfritigen extremen Schwankungen gibt ein Index wie der SMI schon den wahren Wert der in ihm enthaltenen Aktien an. Die Berechnung ist ganz einfach: Man nehme einen sehr langfristigen Durchschnitt, zum Beispiel zwanzig Jahre, und bereinige diesen um einen Faktor, um den die Kurse in den letzten vier Jahrzehnten vom 20-Jahres-Durchschnitt im Mittel abgewichen sind.

Ende Juni 2012 betrug der 20-Jahres-Durchschnitt des SMI 5718 Punkte. Die mittlere Abweichung von diesem Durchschnitt betrug 1,4728 Punkte. Daraus ergibt sich ein fairer SMI von derzeit 8421 Punkten.

Schlussfolgerung: Mit den derzeitigen Kursen um 6000 ist der SMI weit unterbewertet. Das bedeutet nicht, dass er schon bald wieder zu seinem fairen Wert zurückkehren wird oder diesen übertrifft. Die Graphik zeigt, dass er in der Vergangenheit bis zu einem halben Jahrzehnt unter oder über seinem fairen Wert blieb, je nach Konjunkturlage, Markteuphorie oder auch politischen Krisen. Aber man kann damit rechnen, dass der faire Wert immer wieder mal nach oben oder auch nach unten geschnitten wird. Im Moment bedeutet dies, dass Sie sich als Anleger in Aktien nicht von dem derzeitigen Krisengerede einschüchtern lassen sollten. Denken Sie daran, dass Aktien Sachwerte sind, deren Wert immer wieder neu entdeckt und gewürdigt wird. Ja, kurz-und mittelfristig irrt sich die Börse. Aber langfristig fährt sie einen klaren Kurs, an dem man sich orientieren kann.

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