Management
Veröffentlicht vor 4 Jahre, 10 Monate

Nostalgie-Prinzip

Nostalgie ist die Antwort der Gesellschaft auf zu viel Neues! Die Digitalisierung unseres ganzen Lebens schlägt sich als Nebeneffekt in einer rechtgehenden Retrowelle nieder. Nostalgie ist in: Füllfederhalter, gutes Papier und Schallplatten verkaufen sich immer besser und hier im Büro warten wir nur darauf, dass sich jemand eine Schreibmaschine mitbringt um neben dem Surfen im Netz, dem Instant Messaging und dem Beantworten von E-Mails endlich die Ruhe zu finden, tatsächlich etwas zu schreiben.

Moleskin und PDAs

Heute ist der persönliche Digitale Assistent längst Teil unserer Mobiltelefone. Kalender und Daten können ortsunabhängig synchronisiert werden, Notizen lassen sich direkt eingeben, speichern und auf dem Notebook weiter bearbeiten. Und trotz der digitalen Möglichkeiten scheint das Notizbuch, die gute alte Kladde, gerade ihr Comeback zu feiern. Moleskin heißen sie, die verhältnismäßig teuren Notizbücher, der italienischen Marke Modo&Modo. Die Notizbücher, wenn man den Firmenangaben glaubt, wurden von so ziemlich jedem verwendet, der als großer Geist der letzten Jahrhunderte gilt und werden heute fast aufdringlich im Buchladen, am Kiosk oder in Designgeschäften angeboten. Auf Konferenzen trifft man kaum noch Manager, die kein kleines schwarzes Notizbuch mit sich führen.

Weniger ist mehr

In den letzten Jahrzehnten fand in der Automobilindustrie ein buchstäbliches Wettrüsten statt. Autos der Oberklasse wurden mit so vielen innovativen Zusatzfunktionen angeboten, dass Autohändlern ein kalter Schauer über den Rücken lief, wenn betagte Kunden ihre neue S-Klasse, aus Gewohnheit, mit Vollausstattung bestellten. Eine Studie aus dem letzen Jahr zeigt, dass 83 % der Innovationen in der Automobilindustrie am Kunden vorbeirollen. Die traditionell betagtere Kundschaft von Oberklasse-Limousinen ist schlicht überfordert von USB-Schnittstellen im Handschuhfach oder Sitzen mit 7-zoniger Massagefunktion. Was bleibt ist der Wunsch ein Auto zu fahren, das man versteht und das einem gefällt. Und so erhalten die Limousinen der Oberklasse Konkurrenz aus ungeahntem Lager. Autos, wie der Mini oder der Fiat 500, deren Formensprache eine Reminiszenz an die 60er Jahre ist, kommen ebenso bei denen an, die in den 60er noch nicht geboren waren, wie bei denen, die damals ihren Führerschein machten.

Erfolgsgeschichte Functional Food

Functional Food, zu Deutsch funktionelle Lebensmittel, beschreibt die Idee Nahrungsmittel mit zusätzlichen Stoffen zu versehen, die einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben sollen. Ursprünglich kommt die Idee aus Japan, wo sich Nahrungsmittel mit spezifischem Gesundheitsnutzen großer Beliebtheit erfreuen. In Deutschland sieht das, von ein paar Joghurts, die die Darmflora verbessern, abgesehen, nicht ganz so aus. In einem Land, in dem ein Lebensmittelskandal den nächsten jagt, lässt es sich dem Endkunden nur schwer nahe bringen, dass künstliche Zusatzstoffe auf einmal gut für ihn sind. Danones Joghurtdrink Actimel soll ein Wundermittel gegen Erkältungskrankheiten sein und ist dafür als dreisteste Marketinglüge des Jahres 2009 ausgezeichnet worden. Coca-Cola hatte für kurze Zeit das Getränk Ipsei aus roten Trauben, Rooibos-Extrakt, Antioxidantien, Vitaminen und vor allem aus Zucker auf dem Markt. Das Unternehmen musste aber bald einsehen, dass der Deutsche, so er sich überhaupt gesund ernähren will, Bio kauft und einen Saft trinkt anstatt zu funktionalen Lebensmittel zu greifen. Nur 7 % der Deutschen geben an, dass sie gentechnisch veränderte Nahrungsmittel kaufen. 

Aber auch dies eröffnet Chancen: Aufgrund sinkender Agrarsubventionen bieten Bauern in der Bodenseeregion ihre Biowaren im Direktvertrieb an. So können mit weniger Umsatz deutlich höhere Margen erzielt werden. Ähnliches zeigte sich auch im Schweizer Detailhandel, als die ‘Aldisierung’ durch den Markteintritt von Lidl und Aldi drohte. Migros Linie ‘Aus der Region für die Region’ läuft bestens. In Deutschland haben sich die Umsätze durch Bio-Lebensmittel in den letzten 10 Jahren verdreifacht.

Nostalgie für die guten Dinge und der Wunsch etwas von Wert zu kaufen ist eine immer stärker werdende Strömung in unserer Gesellschaft. Dies ist mitnichten eine pauschale Absage an die Innovation, es ist vielmehr ein gesellschaftlicher Weckruf. Unternehmen dürfen Innovation nicht als Sport zum Selbstzweck betreiben, sondern als Dienstleistung am Kunden. Kunden kaufen Produkte und nutzen Dienstleistungen, die sie glücklich machen und nicht weil in der Werbebrochüre steht „Jetzt dreimal so gut, wie das, was wir ihnen vor einem halben Jahr angeboten haben.“

Vom Nostalgie Prinzip lernen

  • Dadurch, dass Unternehmen uns ständig und überall neue Innovationen verkaufen wollen, flüchten viele Kunden in die Nostalgie. Wer vor einem Marmeladenregal im Supermarkt steht, der greift nicht selten zur Marke ‘Bonne Maman’, weil sie als einzige noch aussieht wie ein Marmeladenglas.
  • Digitale Technologien verdrängen analoge, können aber die Haptik und das Gefühl, das mit den analogen verbunden ist nicht ersetzen.
  • Die meisten Unternehmen unterschätzen bis heute den gesellschaftlichen Hang zur Nostalgie. Die Firmenarchive sind voll mit Produkten und Konzepten, die sich heute besser verkaufen lassen würden als zur Zeit ihrer Entwicklung
  • Gerade in Zeiten von Lebensmittelskandalen und komplizierten Produktionsmöglichkeiten wünschen sich viele Kunden Produkte, die sie selber verstehen. So wie das Eis Häagen-Dasz Five, das nur fünf Inhaltsstoffe hat (Milch, Sahne, Zucker, Eier und einen Geschmack).
Kontaktinfo

Prof. Dr. Oliver Gassmann

Sascha Friesike

Name

Prof. Dr. Oliver Gassmann
Institut für Technologiemanagement


Sascha Friesike
Wissenschaftler am hiig Berlin

Firma Universität St. Gallen
Adresse Dufourstrasse 40a
CH-9000 St. Gallen
Telefon +41 (0)71 224 72 21
Online oliver.gassmann@unisg.ch
www.item.unisg.ch
Newsletter

Newsletterabo

Melden Sie sich zu unserem kostenlosen Newsletter an. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, das Abo zu kündigen.



Musterexemplar

Interaktives Muster

Musterexemplar