Wirtschaftsrecht
Veröffentlicht vor 5 Jahre, 5 Monate

Sind die Sorgen vor einer Hyperinflation berechtigt?

Die weltweiten Aktienmärkte konnten sich in den letzten Wochen deutlich erholen. Die noch im Sommer vorherrschende Unsicherheit über die Zukunft der Weltwirtschaft weicht langsam der Erkenntnis, dass die Sorgen und Befürchtungen eines erneuten Konjunkturrückganges überzogen waren.

Dennoch werden die Gemüter von der Frage bewegt, ob wir in naher Zukunft eine erhöhte Inflation oder gar eine Hyperinflation befürchten müssen. Diese Sorge wird nicht nur von unzähligen Feuilletonisten und interessierten Bankanalysten geteilt, sondern auch von sehr vielen Privatanlegern. Dabei geht es nicht nur um einige Prozentpunkte oberhalb der gewünschten Inflation von „knapp unter zwei Prozent“, wie sie etwa die europäische Zentralbank EZB anstrebt. Diesem Problem könnte man ja recht einfach durch den Kauf von Staatsanleihen entgehen, deren Zinsen ja dann entsprechend hoch wären, um trotz Wertverlust des Geldes eine ordentliche und sichere Rendite zu erzielen.

Nein, wir sprechen hier von Hyperinflation, also von völliger Geldentwertung mit anschließender Währungsreform. Der Wunsch, sein Vermögen vor dem kompletten Verlust zu bewahren und daher auch eine Hyperinflation in seine Überlegungen mit einzubeziehen, ist verständlich. Aber ist die Angst davor auch tatsächlich begründet?

Diffuse Inflationssorgen

Zunächst einmal herrscht ja selbst im Lager derjenigen, die eine Hyperinflation für wahrscheinlich halten, völlige Unklarheit, wann es überhaupt dazu kommen soll. Im nächsten Jahr? Oder doch erst in zehn Jahren? Diese Ungewissheit, ob man nun sehr bald von einer Inflationswelle überrollt werden wird oder doch erst noch weitere zehn Jahre in Furcht davor verbringen muss, zerrt freilich an den Nerven.

Bezeichnend für diese Unsicherheit ist das Ergebnis einer Studie der französischen Bank Société Générale vom März dieses Jahres. Das in Deutschland erscheinende Handelsblatt berichtete hierzu: „Auf Sicht von fünf bis zehn Jahren gebe es eine 60-prozentige Chance für einen deutlichen Anstieg der Inflation (...).“ Nun, die Inflation kann also irgendwann in den kommenden zehn (!) Jahren auf eine ungewisse Höhe steigen – oder eben nicht, denn dafür stehen die Chancen ja auch nicht schlecht! Freilich ist das richtig, doch bietet es herzlich wenig Orientierung.

Von der Deflation zur Hyperinflation?

Aber warum sollte es in diesen von Deflation bedrohten Zeiten überhaupt zu einer Hyperinflation kommen? Der befürchtete Zusammenhang ist schnell beschrieben.

Als das Finanzsystem im Zuge der Krise zusammenzubrechen drohte, hatten die Zentralbanken weltweit die Zinsen gesenkt und die Märkte mit immensen Summen Liquidität versorgt.

Diese Liquiditätshilfen, so die von vielen geäußerte Sorge, würden letztlich die Geldmenge ansteigen lassen, was dann über kurz oder lang zu Inflation führen müsse. 

Nun, zunächst steigt die eigentliche Geldmenge erst dann, wenn die zusätzliche Liquidität nicht bei den Banken verbleibt, sondern über die Kreditvergabe in den Wirtschaftskreislauf gegeben wird. Wie die jüngste Vergangenheit allerdings gezeigt hat, kann die Inflation nicht steigen, wenn niemand außer der Finanzwirtschaft etwas mit dem Geld unternimmt. 

Weiterhin ist dann zwar richtig, dass Inflation tatsächlich durch eine Ausweitung der Geldmenge entsteht. Aber nur dann, wenn diese nicht gleichzeitig von einem entsprechenden Anstieg des Sozialprodukts begleitet ist. Nur wenn die Geldmenge im Vergleich zur Menge an Waren und Dienstleistungen ansteigt, kommt es auch zur Inflation. 

Was aber in den Diskussionen hierzu immer wieder vergessen wurde, das ist die Tatsache, dass durch die Billionen-Abschreibungen der Banken Geld vernichtet wurde, also die Geldmenge geschrumpft ist. Was die Regierungen und Zentralbanken getan haben, war letztlich keine Ausweitung der Geldmenge, sondern ein Auffüllen zur Verhinderung von Deflation.

Führt die steigende Verschuldung zur Inflation?

Doch das Hauptargument derjenigen, die eine totale Geldentwertung samt Währungsreform befürchten, sind die hohen Staatsausgaben zur Rettung der Banken, bestimmter Industrien und zur Ankurbelung der Konjunktur.

Denn wegen dieser Hilfsprogramme sei der weltweite Schuldenstand bald so hoch, dass die Regierungen einem Abbau ihrer Schulden durch steigende Inflationsraten nicht widerstehen könnten. 

Letztlich würde dies gar dazu führen, dass das Vertrauen in den Wert des Papiergeldes komplett zusammenbrechen werde! Denn immerhin kommen die immensen Summen der Rettungsprogramme ja zu den bisherigen hohen Staatsschulden noch hinzu. Das könne doch nie mehr zurückgezahlt werden! Eine Währungsreform sei der einzige Ausweg, heißt es.

Aber nur keine Panik! Bei dieser Rechnung hat man einiges vergessen.

Zunächst einmal werden ja die Schulden nicht abbezahlt, weder von uns noch von unseren Kindern oder Enkeln. Ein Staat wird immer Schulden haben. Jede Anleihe wird zurückbezahlt und dafür neue Anleihen ausgegeben. Wichtig ist nur, dass die Aufnahme von Neuschulden langsamer wächst als das Wirtschaftswachstum und der Wohlstand insgesamt. Deshalb muss der Schuldenstand immer am Sozialprodukt gemessen werden.

Die US-Schulden sind so betrachtet nicht wesentlich höher als in den 80er Jahren unter Präsident Ronald Reagan. Dennoch war die Inflation Mitte der 90er Jahre besiegt, und Bill Clinton schloss 2000 mit einem ausgeglichenen Haushalt ab.

Zudem darf nicht vergessen werden, dass sich die Staaten, etwa durch die Beteiligung an Banken oder Konzernen, auch zu Billigstkursen große Werte verschafft haben, die sie später nach Sanierungen wieder teurer an die Börse bringen können.

Und ohnehin handelt es sich bei vielen „Ausgaben“ lediglich um Bürgschaften, die den Kreislauf der Wirtschaft in Gang halten, damit niemand Angst haben muss, sein Geschäftspartner könnte zahlungsunfähig werden.

Freilich sind die Staatsschulden hoch. Sie werden auch hoch bleiben. Aber solange den Schulden noch höhere Vermögenswerte gegenüberstehen und solange die Schulden auf Dauer nicht schneller wachsen als die geschaffenen Werte, führt das eben nicht zur Inflation.

Inflationsbekämpfung ist für Zentralbanken kein Neuland

Inflation droht nur dann, wenn die Zentralbanken weltweit auch nach einer Wiederankurbelung der Wirtschaft nicht bremsen und stabilisieren, sondern weiterhin Geld drucken würden. Das aber ist nicht zu erwarten. Die Zentralbanken haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge Erfahrung mit den Folgen einer Inflation und den Möglichkeiten ihrer Bekämpfung sammeln können. Sie verfügen über die notwendigen Instrumente, einer möglichen Inflation effektiv zu begegnen und werden die Geldmenge daher wieder reduzieren und die Zinsen erhöhen. 

Dass sie damit momentan aufgrund der Deflationsgefahren noch zögern, ist nur allzu verständlich. Denn kommt eine Deflationsspirale erst einmal in Gang, ist völlig unklar, wie diese fatale Kettenreaktion dann unterbrochen werden könnte. 

Was schützt vor Hyperinflation?

Doch was können wir tun, wenn die Propheten, die eine Hyperinflation erwarten, dennoch eines Tages Recht bekommen sollten? 

Nun, in einem solchen Fall sind grundsätzlich Sachwerte gefragt, und Beteilungen an Unternehmen (Aktien, vor allem Immobilien- und Rohstoffaktien) wären ein ebenso guter Schutz des Vermögens wie Gold oder Silber. 

Für die Aktienmärkte ist nur die Deflation gefährlich, weil sie zu Kurszusammenbrüchen führt. Inflation als solche begünstigt auch Aktien: Wenn alles teurer wird, weil das Geld weniger wert ist, dann sind nicht nur Grund und Boden, Häuser und Edelmetalle mehr Geld wert, sondern natürlich auch Unternehmensbeteiligungen. In sieben Jahren halbiert sich zwar bei einer Inflationsrate von 10 Prozent der Wert eines Sparbuchs um die Hälfte, nicht aber die Unternehmensbeteiligung! Freilich schadet auch Inflation dem Aktienmarkt, aber nur indirekt. Da Staat und Zentralbanken die Inflation durch Ausgabenkürzungen und Zinserhöhungen bekämpfen, gehen Aufträge zurück. Hohe Zinsen lassen Anleger das Geld von Aktien abziehen, um Anleihen zu kaufen.

Käme es aber zu einem Hyperinflationsszenario, dann wären alle diejenigen die Geprellten, die sich jetzt in Staatsanleihen, Festgelder und Sparguthaben flüchten. Ihr gesamtes Geld wäre nichts mehr wert, und zwar in jeder Währung, weil angeblich alle großen Volkswirtschaften dieser Welt davon betroffen wären.

Die Hyperinflation in Deutschland im Jahr 1923

Auch ein Blick zurück auf die Hyperinflation mit Währungsreform im Jahre 1923 zeigt, dass Aktien als Sachwerte eine gute Anlage darstellen.

Die Ursachen der deutschen Inflation 1923 lagen schon im Ersten Weltkrieg begründet. Der Krieg war verloren, der Staat war bereits Ende 1918 hoch verschuldet durch seine Kriegsanleihen. Dazu kamen die auferlegten Reparationen, die bezahlt werden sollten. Schon 1919 waren die Schulden höher als das Volkseinkommen. Die Regierung druckte Geld und sagte, sie könne nicht zu einer stabilen Währung zurückkehren, um das Wachstum nicht zu gefährden. Der eigentliche Grund war aber, dass der Staat mit Hilfe der Inflation bequem Schulden loswurde.

Der Aktienindex stieg in gleichem Maß wie US-Dollar und Lebenshaltungskosten. Als allen klar war, dass Geld wertlos war und eine Währungsreform bevorstand, stiegen Dollar, Preise und Aktien ins Unendliche. Der Aktienindex lag im September bei sechs Millionen!

Deutscher Aktienindex in US-Dollar


Deutsche Aktien konnten 1923 ihren realen Wert nicht nur behalten, sondern sogar zulegen!

Als es dann zu einer Währungsreform kam, waren alle Sparguthaben und Anleihen wertlos. Aktien, Immobilien, Gold und andere Sachwerte behielten ihren Wert.

Fazit

Die Sorgen vor einer Hyperinflation basieren weniger auf stichhaltigen Argumenten als auf einem gehörigen Maß Unsicherheit, das verschiedene Seiten für sich zu nutzen wissen. Daher sollte man auch dem Ruf der Untergangspropheten nicht folgen. 

Denn einen unabänderlichen Mechanismus, der zwangsläufig in die Hyperinflation führt, gibt es nicht.

Wer glaubt, sein Vermögen vor jeder auch nur irgendwie vorstellbaren Bedrohung schützen zu können, sollte sich hinsichtlich einer Hyperinflation auch Folgendes vergegenwärtigen: Konsequent zu Ende gedacht, wäre man im Falle einer Hyperinflation selbst mit Sachwerten vielleicht nur vorübergehend geschützt. Denn niemand weiß, ob nicht die Besitzer von Sachwerten dann zum Ausgleich mit hohen Steuern belastet werden und etwa der Besitz von Gold ganz verboten wird, wie es ja in den USA und Europa schon der Fall war. Zudem entstünde ein wirtschaftliches Chaos, unter dem auch Aktien für eine ganze Weile zu leiden hätten.

Wer eine Hyperinflation erwartet, würde sich demnach vernünftigerweise besser rechtzeitig mit Waren, Einrichtungsgegenständen und vor allem mit Lebensmitteln und Nahrungskonzentraten versorgen. Denn die würden dann ja nicht mehr nachträglich besteuert oder weggenommen werden, ausgenommen freilich von Plünderern und Dieben.

Uwe Lang, Martin Blaschke

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