Human Resource
Veröffentlicht vor 3 Jahre, 9 Monate

Was stresst uns und hält uns von der Arbeit ab?

In den letzten 5 Jahren (2007 bis 2011) hat ICAS Schweiz AG 21‘798 Mitarbeiter/innen in 27‘310 verschiedenen Anliegen beraten. Diese Fälle wurden unter Einhaltung der strengen Richtlinien des Datenschutzes erfasst. Die Auswertung dieser Daten zeigt, welche Anliegen die Mitarbeiter/innen am häufigsten belasten und welche Auswirkungen sie auf deren Leistung haben. In diesem Artikel werden Teile dieser Auswertung sowie Schlussfolgerungen daraus für ein wirksames betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) vorgestellt.

Mitarbeiter/innen nehmen ihre privaten Sorgen & Probleme mit zur Arbeit

Wenn man Publikationen über Gesundheit am Arbeitsplatz liest, erhält man leicht den Eindruck, dass es vor allem die Arbeit ist, die die Menschen belastet und krank macht. Diese Vorstellung widerlegen die ICAS Statistiken deutlich (Abb. 1).

Zwar hat der Anteil an arbeitsbezogenen Anliegen in den vergangenen 4 Jahren um 33% zugenommen, dennoch waren im Jahr 2011 über 70% der Anliegen von privater Natur. Zudem verursachten sie ca. 55% der gesamten ermittelten Leistungsverluste. Die arbeitsbezogenen Anliegen verursachten mit den restlichen ca. 45% also weniger Leistungsverluste.

Die gängigen BGM Angebote konzentrieren sich auf die betrieblichen bzw. arbeitsbezogenen Probleme und Belastungen. Dadurch werden Themen privater Natur kaum berücksichtigt und als Konsequenz bleibt ein grosses Potential zur Erhaltung bzw. Verbesserung des individuellen Leistungsvermögens ungenutzt. Dies kann nicht im Interesse des Unternehmens liegen, denn vermindertes individuelles Leistungsvermögen reduziert die Produktivität der Organisation und damit auch deren Erfolgschancen. Ein Grund für dieses Ausklammern von privaten Anliegen ist die Vorstellung, dass der Arbeitgeber sich nicht in die privaten Angelegenheiten der Mitarbeiter/innen einmischen sollte oder darf. Es gibt jedoch BGM Angebote, die dieses Problem elegant lösen. Die Externe Mitarbeiterberatung EAP ist ein gutes Beispiel für einen Service, der den Mitarbeiter/innen unaufdringlich, unter Respektierung der Privatsphäre, Unterstützung in privaten Lebensfragen bietet.

Emotionale, psychische Probleme nehmen zu, vor allem bei der Arbeit

Vielen Berichten von Krankenkassen und Versicherungen kann man entnehmen, dass Absenzen und Krankheitstage wegen psychischen Problemen und Leiden stark zunehmen. Man prophezeit bereits, dass die depressiven Verstimmungen in einigen Jahren eine Spitzenposition als Fehlzeitenverursacher einnehmen werden.

Auch die ICAS Statistiken bestätigen diesen Trend (Abb. 2). In 4 Jahren haben die emotionalen und psychischen Anliegen um 71% zugenommen. Die arbeitsbezogenen sogar stärker (78%) als die privaten emotionalen, psychischen Anliegen (67%).

In 2010/11 sind 13‘776 Anliegen von ICAS erfasst worden. Davon waren 61% lebenspraktische, rechtliche Anliegen. Sie verursachten 27% der gesamten ermittelten Leistungsverluste. Die emotionalen, psychischen Anliegen (39%) verursachten 73% der gesamten Leistungsverluste, d.h. 270% mehr als die lebenspraktischen, rechtlichen Anliegen.

Um besser zu erkennen, welche Anliegen am meisten Leistungsverluste produzieren, macht es Sinn, die emotionalen, psychischen Anliegen (73%) nochmals aufzuteilen. Bei einer zusätzlichen Unterscheidung zwischen emotionalen und psychischen Anliegen ergibt sich folgende Aufteilung gemäss Tabelle 1.

Folgerung: Die psychischen Anliegen nehmen nicht nur stark zu, sondern verursachen die grössten Leistungsverluste (39%), gemessen an den Anliegen von Mitarbeitern/innen, die den Beratungsdienst von ICAS in Anspruch nehmen. An zweiter Stelle kommen die emotionalen Anliegen mit 34%.

Die hohen Leistungsverluste, die aus psychischen und emotionalen Anliegen stammen, sind eine grosse Herausforderung für das BGM. Psychologische Beratung und Unterstützung muss ein integrierter Bestandteil des BGM Angebots sein. Dabei sollten Unternehmen darauf achten, Psychologen und Psychotherapeuten einzusetzen, die durch entsprechende Ausbildungen und praktische Trainings die notwendige fachliche Kompetenz ausweisen können. Ausserdem sollten sie eine gesetzlich anerkannte Zulassung haben, psychische Leiden und Störungen behandeln dürfen. Zusätzlich wünschenswert sind Kenntnisse der Betriebsrealität und Arbeitserfahrung in einem Unternehmen.

Burnout und Depression verursachen 20% der gesamten Leistungsverluste

Bei der gesonderten Betrachtung der psychischen Anliegen dominieren gemäss den ICAS Statistiken die Leiden Depression, Burnout, Stress und Ängste. Zusammen haben sie in 2010/11 einen Anteil von 71% der psychischen Anliegen und verursachen 79% der Leistungsverluste. In Bezug auf die Leistungsverluste verursacht durch alle 13‘776 Anliegen haben diese „big four“ einen Anteil von 31%. Depression und Burnout sind aber eine Grössenklasse für sich. Zusammen erzeugen sie in 2010/11 fast 50% der Leistungsverluste. In Bezug auf die Leistungsverluste verursacht durch alle 13‘776 Anliegen haben diese „big four“ einen Anteil von fast 20% (Tab. 2, Abb. 3).

Unter den psychischen Leiden und Störungen ist Depression seit Jahren der allgemein anerkannte grösste Verursacher von Leistungsverluste (siehe z.B. Gesundheitsrapports von deutschen Krankenkassen). In letzter Zeit kann man eine fast epidemieartige Zunahme von Burnout beobachten und als Thema scheint es die Depression zu überholen. Ein Faktor für diese Entwicklung ist der Trend, ähnliche Erschöpfungszustände, wie Depression, Neurasthenie, Chronic Fatigue, Mid-Life-Crises, Anpassungsstörung etc. als Burnout zu bezeichnen. Wer deswegen Burnout als Modeerscheinung bezeichnet, sollte die Tatsache nicht übersehen, dass die betroffenen Mitarbeiter/innen ein Leiden haben, dies einen Krankheitswert besitzt und ihr Leistungsvermögen erheblich vermindert. Auch die Ärzte bezeichnen immer mehr seelische, geistige und körperliche Erschöpfungen ihrer Patienten als Burnout. 55% aller Burnout-Fälle, die ICAS im Jahr 2011 registrierten, hatten Burnout als ärztliche Diagnose.

Auch die ICAS Statistiken zeigen diesen Burnout-Trend auf. In einem Jahr (2011) nahmen die Burnout-Fälle um 63% zu. Gleichzeitig gab es in der Kategorie Depression 3% mehr Fälle. Wenn man vom Anhalten dieser Trends ausgeht und in Betracht zieht, dass der durchschnittliche Leistungsverlust pro einzelnem Burnout-Fall fast 54% und pro einzelnem Depressionsfall 31% beträgt, dann wird Burnout im Jahr 2012 die Depression als Verursacher von Leistungsverminderung überholen.

BGM Konzepte und Lösungen konzentrieren sich häufig auf die physische Gesundheit. Es ist natürlich als Thema einfacher und konkreter. Dagegen sind psychische Themen für den Laien oft schwerer zu erfassen und mit Berührungsängsten verbunden. Daher herrscht häufig die Auffassung, dass psychische Anliegen eine private Angelegenheit ist. Die starke Zunahme des Burnout zeigt, dass diese Haltung falsch ist. Die Arbeitssituation beeinträchtigt in einem beachtlichen Masse die psychische Gesundheit der Mitarbeiter/innen. Daher muss ein Umdenken stattfinden. Die im Abb. 3 dargestellten Leistungsverluste zeigen unmissverständlich, wie wichtig die Prävention und die Unterstützung bei der Behandlung von psychischen Leiden und Störungen sind. Auch sie müssen eine zentrale Aufgabe eines wirksamen BGM sein.

Schlechte Führung verursacht erhebliche Leistungsverluste

Fachliche Kompetenz, Bereitschaft mehr Verantwortung zu übernehmen, Trainings in Management-Techniken und Engagement sind gute Bausteine für eine Karriere. Aus einem guten Fachspezialisten wird häufig eine Führungskraft. Im Berufsalltag werden aber Führungskräfte mit vielen emotionalen Situationen konfrontiert: Leistungsprobleme, unzufriedene Mitarbeiter/innen, Enttäuschungen, Kränkungen, Konflikte, Kündigungsgespräche, Mitarbeiter/innen die in Tränen ausbrechen usw.
Die Führungsaufgabe erfordert soziale Kompetenzen, d.h. Fertigkeiten, die für die Gestaltung sozialer Interaktion nützlich oder notwendig sind. Wenn die Führungskraft diese nicht besitzt, ist sie schnell überfordert. Die in solchen Situationen oft entfachten negativen Gefühlen erzeugen erhebliche Leistungsverluste. Dieser bekannte Zusammenhang lässt sich auch in den ICAS Statistiken nachweisen.

Bei den emotionalen Anliegen liegen private Beziehungsprobleme mit Abstand vorn. Sie verursachen 20% der Leistungsverluste der bei ICAS erfassten emotionalen Anliegen. Wenn man aber das verminderte Leistungsvermögen der Anliegen zusammenzählt, die zu den Führungsthemen zählen, ergibt sich eine Summe von fast 40%. Die wichtigsten fünf Anliegen sind: Arbeitsbelastung 10%, Konflikte 8%, Kommunikationsprobleme 7%, Entlassung 5% und Mobbing 4% (Abb. 4). Diese Leistungsverluste hätten in vielen Fällen durch gute Sozialkompetenz vermieden werden können.

Der Führungsstil hat einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter/innen. Diese Erkenntnis ist bereits in vielen Unternehmen vorhanden, denn immer öfter werden im Rahmen des BGM auch Führungsschulungen angeboten. Die wirkliche Herausforderung dieser Einsicht ist jedoch die Frage, wie Selbstwertgefühl, Vertrauen, Wertschätzung, Selbsteinschätzung, Eigenverantwortung, Ehrlichkeit, Respekt, Toleranz, Empathie, Motivation, Team-, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit – um einige soziale Kompetenzen zu nennen – sich entwickeln lassen. Hier herrscht noch ein Unterangebot an Lösungen, und somit dürften Führungskräfte mit guten sozialen Kompetenzen auch in Zukunft Mangelware sein.

Viele Unternehmen schulen ihre Führungskräfte in den Themen Kommunikation, Konfliktmanagement, Mobbing, sexuelle Belästigung, Stressmanagement, Umgang mit schwierigen Mitarbeiter/innen etc. Dies sind Massnahmen, die auch die betriebliche Gesundheit fördern, vorausgesetzt, die für deren Umsetzung verantwortlichen Führungskräfte besitzen die dafür notwendigen sozialen Kompetenzen.

Auch kleine Probleme verursachen relativ grosse Leistungsverluste

Der zahlenmässige Anteil der lebenspraktischen, rechtlichen Anliegen liegt bei 61%, d.h. fast 2 von 3 Beratungen gehören zu dieser Kategorie. Es sind häufig alltägliche Fragen, bei denen man gerne annimmt, sie würden kaum einen Leistungsverlust verursachen. Da kann man sich aber täuschen. Das Anliegen, das den grössten Leistungsverlust verursacht, ist „Arbeitsrechtliches“. Der zahlenmässige Anteil ist nur 10%, dafür beträgt die Leistungsverminderung 31% bezogen auf die lebenspraktischen, rechtlichen Anliegen (8‘462). Bezogen auf alle 13‘776 Anliegen sind entsprechende Zahlen 6% (Anzahlanteil) respektive 8% (Leistungsverminderung). Der Grund für diese relativ hohe Leistungsverminderung liegt häufig in der Enttäuschung und Kränkung, die hinter diesen Anliegen stehen. Mitarbeiter/innen kontaktieren ICAS häufig in der Meinung, dass sie ungerecht und entgegen geltendem Recht behandelt worden sind. Entsprechend haben die damit verbundenen negativen Emotionen eine reduzierende Wirkung auf das Leistungsvermögen. Die rechtliche Beratung führt häufig zu einer Beruhigung der ratsuchenden Mitarbeiter/innen, denn Fälle, in denen der Arbeitgeber im Unrecht ist, sind selten. Mit der Klärung der Rechtslage erkennen Mitarbeiter/innen oft, dass sie von falschen Vorstellungen und Erwartungen ausgegangen sind. Ähnlich verhält es sich bei Fragen zu Entlassungen, das bezüglich Leistungsverminderung zweitbedeutendste Anliegen. Der zahlenmässige Anteil beträgt nur 2% (von 8‘462), dafür liegt die verursachte Leistungsverminderung bei 13%, bezogen auf die lebenspraktischen, rechtlichen Anliegen (Abb. 5).

Ca. 15% (von 8‘462 Anliegen) sind arbeitsbezogene Anliegen (Arbeitsrechtliches, Entlassung, Mobbing, Sonstiges). Diese verursachen ca. 50% der Leistungsverluste bei den lebenspraktischen, rechtlichen Anliegen bzw. haben einen Anteil von fast 14% an den gesamten Leistungsverlusten, die von den 13‘776 Anliegen verursacht werden. Ca. 25% (von 8‘462 Anliegen) sind rein rechtliche Anliegen, d.h. in dieser Kategorie sind ausnahmslos Rechtsfragen erfasst (Arbeitsrechtliches, Recht allgemein, Sonstiges). Sie verursachen fast 40% der Leistungsverluste bei den lebenspraktischen, rechtlichen Anliegen bzw. haben einen Anteil von fast 11% an den gesamten Leistungsverlusten, die von den 13‘776 Anliegen verursacht werden. Der Anteil der rechtlichen Fragen ist jedoch einiges höher als 25%, denn Themenkategorien wie z.B. Versicherungen, Wohnen/Mieten, Trennung/Scheidung beinhalten neben lebenspraktische Fragen auch Anliegen rechtlicher Natur (z.B. Fragen zur Kündigung eines Mietvertrags oder zum Sorgerecht für die Kinder bei Ehescheidung). Schätzungsweise beinhalten über 50% der 8‘462 lebenspraktischen, rechtlichen Anliegen Fragen, die die Expertise eines Juristen oder Rechtsanwalts erfordern.

Ein Human Resources Manager mag sich die Frage stellen, wieso ein BGM Konzept auch die Unterstützung bei lebenspraktischen und rechtlichen Fragen vorsehen sollte. Diese haben doch keinen Einfluss auf die Gesundheit. Wie wir an den hohen Prozentraten der Leistungsverluste erkennen können, sind manche lebenspraktische, rechtliche Anliegen sehr belastend. Und wenn sie es noch nicht sind, können sie es werden. Kleine Probleme haben die Tendenz zu wachsen, wenn sie nicht gelöst werden. Lebenspraktische und rechtliche Anliegen können sich zu emotionalen und psychischen Anliegen entwickeln. Ausserdem verbirgt sich hinter einem lebenspraktischen oder rechtlichen Anliegen häufig ein emotionales oder psychisches Problem. Typische Beispiele sind eine rechtliche Frage zu Ehescheidung oder Mobbing, eine finanzielle Frage zu Schulden oder Witwenrente. In solchen Fällen können die Mitarbeiter/innen, nachdem ihre Fragen vom einem Juristen, Sozial- oder Schuldenberater beantwortet sind, auch direkt im Anschluss mit einem Psychologen sprechen. Daher sollte ein wirksames BGM Angebot im Sinne der Prävention auch die Unterstützung der Mitarbeiter/innen in alltäglichen Fragen beinhalten.

Kontaktinfo

Stefan Boëthius

Name Stefan Boëthius
Position President of the Executive Board
Firma ICAS Schweiz AG
Adresse Hertistrasse 25
CH-8304 Wallisellen
Telefon +41 (0)44 878 30 10
Online stefan.boethius@icas.ch
www.icas.ch
.
Newsletter

Newsletterabo

Melden Sie sich zu unserem kostenlosen Newsletter an. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, das Abo zu kündigen.



Musterexemplar

Interaktives Muster

Musterexemplar